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Schwalmstadt: Nach über 140 Jahren schließt die Bäckerei Stübing

Abschied aus der Backstube: Von links Holger Schönwälder, Brigitte Schmolke, Marion Nawroth, Jutta Blumenstiel, Frank Burri, Bernd Stübing, Elsa Stübing, Martina Glösemeier, Markus Stübing.

Die Familie Stübing pflegte in Ziegenhain seit 1881 ihr Handwerk. Zum Jahresende endet die Produktion in der Wiederholdstraße.

Schwalmstadt. Ende dieses Jahres zieht zum letzten Mal der verführerische Duft von frischgebackenem Brot und leckeren Brötchen durch die Backstube in der Wiederholdstraße.

„Nur noch bis zum Jahresende werden Brot, Brötchen, Kuchen und Torten in der eigenen Backstube hinter dem Verkaufsraum produziert. Ein Stück weit bedauern wir, dass wir jetzt aufhören, denn es hat uns viel Spaß gemacht und wir haben gerne gearbeitet. Es gibt aber keine Nachfolger in unserer Familie, die den Betrieb weiterführen könnten“, so Seniorchefin Elsa Stübing (85). Sie selbst hat bis zu diesem Sommer noch tatkräftig die Bäckerei unterstützt. „Ich habe im Alter von 19 Jahren hier in der Bäckerei angefangen. Mein damaliger Schwiegervater Adolf war zunächst skeptisch, ob ich das alles in meinem jungen Alter schaffen würde. Mein Mann Helmut hat im elterlichen Betrieb gelernt und führte den Betrieb seit 1952 und nach unserer Heirat 1955 mit mir gemeinsam“, ergänzt sie. Die familienbetriebene Handwerksbäckerei Stübing versorgt seit 1881 in vierter Generation mit frischen Backwaren Ziegenhain und Umgebung.

Bäckermeister Adolf Stübing Mitte der 1920er Jahre.

Gegründet hatte die Bäckerei in der Wiederholdstraße 6 Bäckermeister Heinrich Stübing. Über dem Hauseingang hing das Firmenschild und ein kleines vorgebautes Fenster diente als Auslage für die Backwaren. Die Urenkelin des Gründers Martina Glösemeier, geb.Stübing (65), ist seit ihrer Lehre schon 50 Jahre im Familienunternehmen aktiv und weiß zu berichten, dass zu Zeiten ihres Urgroßvaters die mit Hunde und Pferdewagen in die umliegenden Ortschaften zum Verkauf gefahren wurden.

„Heute beliefern wir insgesamt Stammkunden in 13 Ortschaften in der Umgebung und auch die JVA. Das ist unter anderem meine Aufgabe und diese Arbeit liegt mir sehr am Herzen“ erzählt sie. Im Jahr 1926 übernahm Adolf Stübing den väterlichen Betrieb. Er absolvierte zusätzlich eine Konditorausbildung, modernisierte die Bäckerei, die Vorderfront des Hauses bekam ein großes Schaufenster und eine zweite Eingangstür führte direkt zum Verkaufsraum. Die Backstube, welche sich bis zu diesem Zeitpunkt im 1. Obergeschoss befand, verlegte er in das Erdgeschoss.

Die Bäckerei in der Wiederholdstraße 6 vor der Erweiterung 1929. Im Vordergrund Friedel Stübing mit dem künftigen Bäckermeister Helmut im Kinderwagen.

Braunkohle aus Frielendorf

Die Backöfen wurden zunächst ausschließlich mit Holz und später auch mit Braunkohle aus der Zeche Frielendorf geheizt. Seit 1952 Chef im Familienunternehmen, vergrößerte und modernisierte Bäckermeister Helmut Stübing die Produktions- und Verkaufsräume und erfüllte seiner Frau Elsa und sich einen Herzenswunsch mit der Einrichtung eines eigenen Cafés im Jahr 1956.

Helmut und Elsa Stübing in ihrem Verkaufsraum: Das Foto ist undatiert, geheiratet hatten sie 1955.

Nach einem Anbau in den Siebzigerjahren wurden die Kapazitäten auf 70 Sitzplätze erweitert, die hinter dem Haus gelegenen Stallungen und Scheunen abgerissen und moderne Betriebs- und Lagerräume für die Bäckerei errichtet.

Die gesamte Vorderfront wurde durch größere Schaufenster zur heutigen Fassadenansicht umgestaltet.

Lehre im väterlichen Betrieb

Der jetzige Bäckermeister Bernd Stübing absolvierte seine Lehre im väterlichen Betrieb und ist seit fast 50 Jahren in der eigenen Backstube tätig. Zurzeit unterstützt Sohn Markus (61), eigentlich Elektriker, die Familie und die anderen Mitarbeiter in der Backstube.

„Schon als kleiner Junge war ich beim Ausliefern der Backwaren in unserem Lieferwagen dabei und weiß noch, dass damals das Brötchen zehn Pfennige gekostet hat,“ erinnert sich Markus Stübing.

Nicht nur die alteingesessenen Ziegenhainer werden den besonders beliebten Streuselkuchen und Stübings Sahneröllchen vermissen. Kunden aus allen umliegenden Ortschaften wussten die handwerkliche Qualität von Stübings Backwaren zu schätzen. Im Café fanden Familienfeiern statt und die Schüler der örtlichen Schulen bis nach Steinatal nutzten die Räumlichkeiten für Frei- und sonstige verpasste Unterrichtsstunden. Auch für soziale Kontakte auf ein Feierabendbier wurde die Bäckerei früher gelegentlich von Nachbarn und Freunden genutzt. Markus Stübing als langjähriger Ziegenhainer Burschenschaftler erinnert sich ebenso an manche feucht-fröhliche frühmorgendliche gesellige Runde in der Bäckerei während der Salatkirmes. (Ute-Anemone Lorenz)