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So wohnt Köln: In der Kolbhalle: Leben in einem Kunstwerk auf Zeit

Zwischen Kulturgut und Störfaktor. So könne man die Kolbhalle beschreiben, sagt Aaron Kusche, der seit dreieinhalb Jahren dort wohnt und inzwischen Co-Vereinsvorstand von „Wir selbst e.V.“ ist. Wer schon einmal eine Ausstellung in der Helmholtzstraße 8 besucht hat, kann sich zumindest unter „Kulturgut“ etwas vorstellen. Jeder Quadratmeter des Gebäudes ist entweder selbst ein Kunstwerk, oder mit einem solchen verziert. Gleich im Eingangsbereich befinden sich unter anderem ein alter Bus, vollgestellte Bücherregale, Pflanzen und Dinge, bei denen nicht klar ersichtlich ist, ob sie nun Kunst, Gebrauchsgegenstand oder  Müll sind.

Künstler-Community in Köln-Ehrenfeld

Inmitten dieses Sammelsuriums an Kunstwerken leben die Bewohner der Kolbhalle – es ist eine Künstler-Community. Aaron ist einer von ihnen. Mit 17 zog er in die Halle, inzwischen ist er 22. „Ich war mit Abstand der Jüngste, als ich mit meiner Mutter hier eingezogen bin. Sie hat hier schon länger künstlerisch gearbeitet“, erzählt er. In einem ehemaligen Lagerraum baute er sich Stück für Stück sein eigenes Reich. Die Decke wurde abgehangen, der Boden verlegt, das Bett gezimmert – alles in Eigenarbeit oder mit Hilfe von Freunden und Familie. Zu Beginn konnte er noch nicht viel mit der Mitgliedschaft in der Künstler-Community anfangen. „Inzwischen bin ich sehr froh, dass wir hierhin gezogen sind. Ich habe das Handwerken für mich entdeckt und mit dem Freiraum, der hier gegeben ist, hat sich erst mein künstlerisches Interesse entwickelt. Ich schätze es total, was ich hier an kreativem Input mitnehmen durfte“, so Aaron. Er macht Musik und arbeitet als Kunsthandwerker, etwa als Schreiner.

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Die Kolbhalle hat mehrere Ebenen, auf denen es auch grünt  und blüht.

Eigene Werkbank im Zimmer

In seinem eigenen Wohnraum hat er eine Werkbank mit Werkzeug und diversem Zubehör sowie eine Ecke, die der Musik gewidmet ist. Hier hängen mehrere Gitarren, ein Keyboard und Stereoanlangen an der Wand, auf dem Tisch steht ein Mischpult.Im Jahr 1989 mietete die Stadt diesen Teil des ehemaligen Kolb-Fabrikgeländen von der damaligen Landes-Entwicklungsgesellschaft, die inzwischen NRW urban heißt, für zunächst zehn Jahre an. Die Stadt benötigte es für die Unterbringung von Hausbesetzern der ehemaligen Mauser-Fabrik an der Marienstraße. Hinzu kamen nach und nach immer mehr Künstler, die sich häuslich einrichteten.

Stadt verkaufte an privaten Investor

Nach Ablauf der Mietzeit habe es verschiedenste Räumungsversuche gegeben, die immer gescheitert seien, erzählt Aaron. Die Stadt zahlte indes weiter Miete an die NRW urban. 2017 wurde der Verkauf des Kolb-Geländes von NRW urban an die Entwicklungsgesellschaft Netzbau besiegelt. Er wurde möglich weil der Käufer Netzbau mit dem Verein Wir selbst ein Nutzungskonzept für eine direkt nebenan liegende Halle und ein weiteres Gebäude vorlegen konnte. So soll das Fortbestehen des kulturellen Angebots – Ausstellungen und Konzerte – gesichert werden. Für die heute von der Künstlercommunity genutzten Bereiche gibt es Planungen für Wohngebäude.

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Wohnzimmer, das allen offensteht: Bewohnern und Besuchern. 

Bauanträge für die Kolbhalle in Köln-Ehrenfeld

Nach Auskunft von Investor Yves Netz sind Bauanträge gestellt. Es liege nun am Verein Wir selbst, sich auf ein Nutzungs- und Finanzierungskonzept für die neuen Räume zu einigen, um dann gemeinsam umziehen zu können. Die heutigen Nutzer, so Aaron Kusche, zahlten nur noch Nebenkosten und Haushaltsgeld. Das sei eine Summe von 100 Euro pro Person. Eine Künstler-Tätigkeit ist aber keine Voraussetzung für die Aufnahme in der Community, wie Aaron erklärt. „Ausschlaggebend ist der Gemeinschaftssinn und eine Begeisterung für die Kunst. Es gibt auch Künstler, die in einer solchen Gemeinschaft nicht leben könnten, die einfach ihr Ding machen wollen und nicht parallel noch irgendwelche Veranstaltungen betreuen. Man muss dazu bereit sein, neben dem pauschalen Nebenkostenbeitrag immer mal wieder mit Anzupacken“, sagt er. Viele der Einwohner hätten sich erst durch den Freiraum, der in der Kolbhalle gegeben sei, entfalten können. Abgesehen von den Privaträumen der Bewohner gibt es auch Gemeinschaftsbereiche, wie Küche und Bad.

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Basteln und Musikmachen liegen nahe beieinander. 

Diese wurden zwar kreativ gestaltet, wirken aber recht heruntergekommen. Aaron gibt zu, dass hier nachgebessert werden könnte: „Letztendlich lohnt es sich nicht groß, in eine neue Küche oder in ein neues Bad zu investieren, da wir nicht wissen, wie viel Zeit uns hier bleibt.“ Die Kolbhalle ist aber nach wie vor ein Begegnungsort. Für die Bewohner und Bewohnerinnen heißt das, dass sich in ihrem Zuhause regelmäßig fremde Leute aufhalten. Bei Veranstaltungen, die vom Verein geplant werden, laufen Besucher und Besucherinnen den Bewohnern praktisch durchs Wohnzimmer. Das sei aber gar nicht dramatisch – im Gegenteil: „Im Rahmen von Ausstellungen finde ich das meist angenehm. Man lernt viele kunst- und kulturinteressierte Leute kennen, und ich finde es spannend, hier zu leben und Teil dieses Projektes zu sein.“ Unter der Woche ist es in der Kolbhalle weitestgehend ruhig. Mittwoch bis Freitag ist die Halle zwar geöffnet, das eigentliche Programm findet aber immer samstags statt. Informationen zu Veranstaltungen können auf der Website der Kolbhalle oder auf der Instagram-Seite eingesehen werden.
www.kolbhalle.de
@kolbhalleartistcommunity