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Theaterstück »Die Jüdin und der Kardinal« - Provokation oder einfach nur befremdlich

Kempten - Slapstik im Stück über die NS-Zeit: Die TiK-Eigenproduktion »Die Jüdin und der Kardinal« setzt auf Emotion, Klischees, Sex und – ja was eigentlich?

Künstlerische Freiheit hin oder her. Es gibt Themen, die, egal für wie viel Freiheit man sich am Ende entscheidet, sehr viel Fingerspitzengefühl benötigen – und verdienen. Unstrittig ist die NS-Zeit solch ein Thema, vor allem, wenn es um tragische Schicksale namentlich bekannter Einzelpersonen geht.

Am Eingang zum Theatersaal hängen Originalfotos von Lotte Eckart, die 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg an der Saale umgekommen ist, ihrer kleinen Tochter Gabi, die bei Pflegeeltern aufwachsen musste und mit gerade einmal fünf Jahren in Auschwitz vergast wurde. Der Kaufbeurer Filmemacher Leo Hiemer hat das Schicksal der kleinen Gabi in seinem Film „Leni muss weg“ verewigt.

Das bewegte Leben ihrer Mutter Charlotte Margarete Eckart, geborene Schwarz, hat Hiemer in einem Theaterstück verarbeitet; der Titel: „Die Jüdin und der Kardinal“, weil Kardinal Dr. Michael Faulhauber eine nicht unbedeutende Rolle in diesem Leben spielte. (Lesen Sie dazu auch das Interview: „Leo Hiemer über die Recherchen zu „Gabi“, Schicksalen aus der NS-Zeit und das Theaterstück im TiK“)

Der Plot in Kurz: Die als Jüdin geborene Lotte will 1935 getauft werden und findet in Faulhaber einen väterlichen Unterstützer. Er empfiehlt sie zur Taufe und firmt sie. Auch Lottes uneheliche Tochter Gabi wird kurz nach der Geburt getauft. Nach den Gesetzen der Nationalsozialisten gelten beide jedoch trotzdem als jüdisch. Auch für ihre Fluchtpläne ins Ausland gewinnt Lotte den Kardinal als Unterstützer. Alle Bestrebungen scheitern.

Bei Silvia Armbrusters Inszenierung von „Die Jüdin und der Kardinal“, die diese Woche als Eigenproduktion des Theater in Kempten im großen Theatersaal uraufgeführt wurde, ist das mit der künstlerischen Freiheit so eine Sache. Dass die Handlung in die Gegenwart verfrachtet wurde, ist inzwischen eher Usus in der Theaterwelt.

Stück im Stück

Eine pfiffige Idee ist der Rahmen der Inszenierung als Geschichte in der Geschichte: Die eigentliche Geschichte spielt in einem Tonstudio, die diese als Hörspiel produziert. Absolut grandios die beiden Hauptdarsteller Ernst Konarek als Kardinal Faulhaber und Corinne Steudler als Lotte Eckart. Beide überzeugten in ihrer menschlichen Uneindeutigkeit, in ihren menschlichen Abgründen wie Höhen, in ihrem Selbstbetrug, in ihrem individuellen Kampf ums Überleben.

Was das Konzept des Produktion betrifft, hatte man allerdings das Gefühl, dass sich die TiK-Chefin nicht entscheiden konnte, welchen – wenn man so will – formalen Rahmen sie für das Theaterstück wählen soll. Und auch die zeitliche Verschiebung in die Gegenwart war offensichtlich verbunden mit der Qual der Wahl, welche neuzeitlichen Bezüge zu den Grundthemen wie Menschlichkeit per se, Migrations- und Asylrecht, Ethik, Rassenwahn, Widerstand und Mitläufertum, was ist Recht und was Unrecht, Machtmissbrauch etc. aufgegriffen werden sollten. Der Teufel steckt auch bei auf den ersten Blick überschaubaren Themen bekanntlich im Detail.

Wilde Mischung

Herausgekommen ist eine Art Slapstick-Dramödie verpackt in eine Operetten-Musical-Rockoper mit einem Potpourri an „Nebenschauplätzen“. Ausgepackt wurden alle Darstellungsoptionen, die die Bühnenakteure zu bieten haben, was den Einsatz oftmals etwas willkürlich und sinnfrei wirken ließ. Um einfach mal zu zeigen, was man so alles auf der Pfanne hat? Inklusive Tierstimmenimitation? Bitte in einem anderen Stück! Wenngleich für sich genommen eindrucksvoll – deplatziert waren auch die vielen Modern-­Dance-Szenen (Choreographie Anna Vita) von Steudler in den meisten Fällen.

So wurde man als Zuschauer immer wieder meist unsanft durch – flapsig gesagt – „Tschingderassabum“ aus den auch tiefemotionalen Szenen gerissen. Ob leichte Kost ein schweres Thema immer besser verdaulich macht, sei mal dahin gestellt. Verdient haben Gabi und ihre Mutter Lotte sicher mehr Respekt.

Effekt um jeden Preis?

Fragwürdig sind die (leider recht platten) Anspielungen auf ein erotisches Verhältnis zwischen Lotte und dem Kardinal. Effekt um jeden Preis? Faulhaber wird zwar ein (laut aktuellem Stand der Forschung sicher rein platonisches) Verhältnis mit einer Konvertitin nachgesagt, aber nicht mit Lotte Eckart. Auch Leo Hiemer selbst „befeuerte“ die ins Blaue gemachte Anspielung in seiner (insgesamt hochinteressanten) Einführung durch seine Bemerkung, er mache sich da schon so seine Gedanken, wenn sich der schon ältere Kardinal mit einer jungen Frau laut Tagebuchaufzeichungen insgesamt 14 Mal in den wenigen Jahren von 1935 bis 1940 treffe. Überflüssig die erotischen Avancen, die Lotte im Stück dem Mann gegenüber macht, der ihrer Gabi wenigstens zur Flucht verhelfen könnte. Viel intensiver kommt die Selbsterniedrigung durch, als sie zu seinen Füßen auf dem Boden kriecht. Es fehlt dabei natürlich der „Nackte-Haut-Effekt“.

Wacker geschlagen haben sich Rainer von Vielen und Michael Schönmetzer als ja doch eher Laiendarsteller. Dass sie dagegen in der Musik professionell unterwegs sind (hier auch musikalische Leitung), durften sie mehrfach im Stück unter Beweis stellen, sei es als Geräuschemacher oder eben Musiker. Dennoch wäre auch hier zugunsten des Stoffes weniger mehr gewesen. Als „Personal“ des Tonstudios bevölkern zudem Sandra Schmidbauer und Erasmus Gerlach dezent die Bühne.

Sehr eindrucksvoll ist die (kurz vor) Schlussszene, als Lotte sich unter einem Eisengestell entkleidet, ihren Schmuck ablegt ... wie in Zeitlupe; im Saal Totenstille; alle wissen, was die Szene zu bedeuten hat. Lotte stellt ihre Schuhe neben die kleinen ihrer Gabi ... Beim letzten Lied schließlich kehrt der Atem des Publikums allmählich zurück. Der Applaus erst zögerlich nach der minutenlangen Atemlosigkeit, dann Jubel.