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Volksbühne Bad Emstal gastiert mit dem Stück „Empfänger unbekannt“ in Kirchen

„Empfänger unbekannt“: Die szenische Lesung der Volksbühne Bad Emstal, in der Lothar Neumann (Foto) die Rolle des Juden Max Eisenstein übernimmt und Dirk Kraft, die des Deutschen Martin Schulze, findet wieder statt.

Die Stille im Publikum, die am Ende der Lesungen folgt, wiegt schwer wie Blei. Niemand rührt sich, weil sich jede Bewegung unter dem Gewicht der Worte falsch anfühlt, irgendwie unpassend und fast unmöglich erscheint.

Für Lothar Neumann und Dirk Kraft ist das Schweigen der Applaus. Wenn die Beklommenheit von den Zuhörern Besitz ergreift, wissen die Darsteller, die Botschaft ist angekommen.

Nach der coronabedingten Pause nehmen die Mitglieder der Volksbühne Bad Emstal ihre szenischen Lesungen des Stücks „Empfänger unbekannt“ wieder auf. Los geht es am 31. Oktober in Naumburg.

In der Inszenierung nach dem Roman „Adressat unbekannt“, den die Amerikanerin Kathrine Kressmann Taylor 1938 veröffentlicht hat, geht es um einen fiktiven Briefwechsel zwischen dem amerikanischen Juden Max Eisenstein und dem Deutschen Martin Schulze. Die Männer sind befreundet, betreiben in den USA eine Kunstgalerie. Anfang der 1930er-Jahre kehrt Schulze mit seiner Familie zurück nach Deutschland. Die Männer bleiben über Briefe in Kontakt. Schulze, der zunächst zum politischen Geschehen in Deutschland auf Distanz geht, entwickelt sich nach und nach zum überzeugten Nationalsozialisten.

Das Publikum wird Zeuge dieser Verwandlung. Es erlebt, wie Schulzes politische Haltung, die den Tod billigend in Kauf nimmt, aus Freunden Feinde macht. Für Neumann und Kraft ist jede einzelne Aufführung Schwerstarbeit. „Hinterher brauchen wir zwei Stunden, bis wir aus unseren Rollen wieder draußen sind“, sagt Neumann.

Im April 2019 hatte Regisseurin Antje Hörl die Aufmerksamkeit auf das Stück „Empfänger unbekannt“ gelenkt. Dirk Kraft und Lothar Neumann steckten schon mitten in den Proben, als am 2. Juni 2019 der Kasseler Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke von dem Rechtsradikalen Stephan Ernst ermordet wurde. Mit diesem unfassbaren Verbrechen bekam ihr Stück plötzlich eine ungewollte Aktualität. Kraft und Neumann probten weiter. Im November 2019 hatte die Lesung Premiere. Die Volksbühne wolle mit dem Stück ihren Beitrag leisten gegen Antisemitismus und Rassismus, sagt Neumann. Die vergangenen Jahre hätten deutlich gemacht, wie nötig ihr Anliegen sei.

Es gehe darum, fremdenfeindlichen Aussagen im persönlichen Umfeld, in Kneipen und wo auch immer, etwas entgegenzusetzen und nicht darüber hinwegzusehen. (Antje Thon)