Germany

Vorübergehende Einflüsse: Volkswirte sehen keine galoppierende Inflation

3,9 Prozent Preissteigerung im August - bei vielen Verbrauchern klingeln da die Alarmglocken. Politiker versuchen, die Zahlen im Wahlkampf zu nutzen. Volkswirte mahnen jedoch zur Ruhe.

Die Volkswirte führender Finanzinstitute in Deutschland sehen derzeit nicht die erhöhte Gefahr einer langanhaltenden oder gar außer Kontrolle geratenden Preisspirale. "Die Inflation hat 2021 den Turbogang einlegt, schon 2022 dürfte ihr aber wieder die Luft ausgehen", sagte Katharina Utermöhl, Volkswirtin bei der Allianz-Gruppe in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research erklärte: "Die zurzeit beobachtbaren erhöhten monatlichen Inflationsraten werden zum Großteil von vorübergehenden Einflüssen bestimmt." Er erwartet, dass sich die Inflation im Euro-Raum in den nächsten Jahren um die von der Europäischen Zentralbank ausgegebene Zielmarke von knapp zwei Prozent einpendeln wird.

Auch die "Wirtschaftsweise" Veronika Grimm geht von einer Normalisierung aus, obwohl sich die preistreibenden Effekte wie etwa die Knappheit bei Mikrochips oder die hohen Rohstoffpreise aus ihrer Sicht nicht so schnell auflösen werden wie erhofft. "Solange die Lohnabschlüsse moderat bleiben, gibt es nicht viel, was dafür spricht, dass wir in eine dauerhafte Inflation laufen", sagte sie. "In einigen Bereichen kann es durchaus zu Lohnsteigerungen kommen, etwa aufgrund des Fachkräftemangels, aber die vorübergehend hohen Teuerungsraten sollten nicht 1:1 in den Tarifverhandlungen aufgegriffen werden."

Im August lag die Inflationsrate in Deutschland bei 3,9 Prozent und war damit deutlich erhöht. Dies ist aber auch auf Basis- und Sondereffekte zurückzuführen, weil die Inflation im vergangenen Jahr vor allem wegen Auswirkungen der Corona-Pandemie mit 0,5 Prozent besonders niedrig ausgefallen war. Unter anderem sorgte allein die vorübergehend abgesenkte Mehrwertsteuer für eine verringerte Preissteigerung.

Preis-Lohn-Spirale nicht abzusehen

Um in einen galoppierenden Preisauftrieb zu geraten, müsse es noch zu weiteren Effekten kommen, etwa zu einer Preis-Lohn-Spirale, sagte auch Katharina Utermöhl. "Dies ist nicht abzusehen", betonte sie. "Ich sehe aktuell keinen Grund, warum etwa ein Restaurantbesuch auch mittelfristig mehr kosten muss."

Die Volkswirte erwarten für das laufende Jahr ein Wachstum der deutschen Wirtschaftsleistung um gut drei Prozent. "Im nächsten Jahr erwarten wir dann ein noch kräftigeres Wachstum von 4,3 Prozent", sagte Schattenberg. "Die Nachfrage seitens der privaten Haushalte ist jetzt schon lebhaft, aber es gibt immer noch aufgestaute Kaufkraft", betonte der Experte von Deutsche Bank Research. "Wir sehen auch, dass die Kurzarbeit über den Sommer kräftig zurückgegangen ist." Insgesamt dürfte sich der Arbeitsmarkt auch im September positiv entwickelt haben, sagte Schattenberg.

Die Zahl der Arbeitslosen könnte insgesamt noch einmal um rund 110.000 zurückgehen, saisonbereinigt immerhin noch um 30.000. Die Bundesagentur für Arbeit gibt ihre September-Zahlen am kommenden Donnerstag bekannt. Im August waren bundesweit rund 2,58 Millionen Menschen ohne Job. Die Arbeitslosenquote lag bei 5,6 Prozent.

Arbeitskräftemangel bleibt Thema

Auch Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der staatlichen Bankengruppe KfW sieht positive Entwicklungen am Arbeitsmarkt voraus. "Im Jahr 2022 wird sich die kräftige Erholung am Arbeitsmarkt dann voraussichtlich voll in den Zahlen niederschlagen: Nach unserer Prognose werden wir wieder eine halbe Millionen Erwerbstätige mehr haben als in diesem Jahr, und die Arbeitslosenquote dürfte mit 5,3 Prozent erheblich niedriger ausfallen", betonte sie. Schon in diesem Jahr könnte sie auf 5,7 Prozent zurückgehen - allerdings nur, wenn es zumindest für Geimpfte keine weiteren Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie mehr geben werde.

Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, sieht aber am Arbeitsmarkt auch limitierende Faktoren für die Wirtschaft - etwa bei der Versorgung der Unternehmen mit Fachleuten. "Die Zuwanderung ist in der Coronakrise fast vollständig ausgeblieben", sagte sie mit Blick auf den während der Corona-Pandemie praktisch zum Erliegen gekommenen internationalen Austausch.

Das habe in einigen Branchen wie dem Hotel- und Gaststättengewerbe zu einem Mangel an Arbeitskräften geführt. Auch hätten sich Arbeitnehmer umorientiert, etwa in Richtung Einzelhandel, und stünden daher im Gastgewerbe nicht mehr zur Verfügung. "Da werden die Arbeitgeber auch beim Lohn nachbessern müssen", betonte Grimm mit Blick auf möglicherweise bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Hinsichtlich der Wirtschaftsleistung glaubt die Nürnberger Professorin nicht, dass es schnell zu einer völligen Erholung von den Folgen der Corona-Pandemie kommen wird. "Ich glaube, dass wir im Dienstleistungsbereich so eine Art 90-Prozent-Konjunktur behalten werden", sagte sie.

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