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Warum sich Hochstapler gern besonders stilvoll kleiden

Ein knappes schwarzes Etuikleid trägt Anna Delvey auf ihrem Fahndungsfoto. Auf der Anklagebank sitzt sie dann im braven Spitzenkleid und mit großer schwarzer Brille. Die russisch-deutsche Hochstaplerin, die die High Society von Manhattan ausnahm wie einen Thanksgiving-Truthahn, sorgte nicht nur mit ihrer Geschichte, sondern auch mit ihren Outfits beim Strafprozess 2019 für viel Aufmerksamkeit.

Delvey, die eigentlich Sorokin heißt und in Eschweiler aufwuchs, hatte nämlich die Star-Stylistin Vanessa Walker engagiert, die sich sonst um Rapper G-Easy oder Kurt Cobains Witwe Courtney Love kümmert. Die Strategie dahinter war so einfach wie genial: mit seriöser Sonntagskleidung sollte das erfundene Image von der schwerreichen Upper-Class-Erbin einfach aufrechterhalten werden. Das hinterließ offenbar selbst im Knast Eindruck. Wegen guter Führung wurde Delvey im Februar 2021 frühzeitig entlassen. Netflix zahlte ihr rund 260.000 US-Dollar für die Exklusivrechte an ihrer Geschichte. Die Serie „Inventing Anna“ startet im Februar 2022.

Was genau Delvey, die monatelang in New Yorker Luxushotels wohnte, ohne zu zahlen, versteht sich, in ihrer Gaunerzeit trug, ist kaum überliefert. Bilder aus der Zeit vor ihrer Haft hat sie von ihrem Instagramkanal gelöscht. Doch der gerade veröffentlichte Trailer der Serie, die von Drehbuchautorin Shonda Rhimes verantwortet wird, greift den Effekt aus dem Gerichtssaal wieder auf und suggeriert: Egal wie dreist man ist, man muss nur anständig gekleidet sein, um mit allem durchzukommen.

Ein Outfit, das unaufgeregter kaum sein könnte

Ein Outfit, das unaufgeregter kaum sein könnte

Quelle: pa/Everett Colle/RCF/Everett Collection

Delvey, gespielt von Julia Garner, flaniert also, das verraten die ersten Bilder vom Set, in dunkelblauer Caban-Jacke, blau-weiß geringeltem Bretonhemd, unschuldig weißer Culotte und ordentlich gescheiteltem, langen blonden Haar über die Fifth Avenue. Und das ist interessant: Es handelt sich nicht um aufdringliche Designerteile, sondern hauptsächlich um gutbürgerliche Klassiker, die zu Unrecht oft als spießig verschrien sind. Es ist Kleidung, die verantwortungsbewusste Eltern ihren Grundschulkindern so lange anziehen, bis die modisch rebellieren. Kleidung, so stilvoll, dass sie sich jeder Überinszenierung, jedem bösen Verdacht entzieht.

Auf der Flucht: Lupin in Barbourjacke

Auf der Flucht: Lupin in Barbourjacke

Quelle: Netflix/emmanuel guimier

Dass ein ordentliches Outfit die beste optische Taktik zur Verschleierung von Schurkentaten sein kann, konnte man zuletzt auch an anderen Betrügern auf der Leinwand, in der Literatur, genauso wie im realen Leben beobachten. Der charmante Gentlemen-Gangster Lupin aus der gleichnamigen französischen Serie etwa plündert mit Vorliebe in Barbourjacke, Friesennerz oder im gut sitzenden Anzug. Und auch im echten Leben setzen Hochstapler auf ein braves Image: Die Amerikanerin Elizabeth Holmes, die nur vermeintlich jüngste Selfmade-Milliardärin der Welt, die mit ihrer Biotechnologie-Firma Theranos vorgaukelte, man könne hunderte Krankheiten anhand weniger Tropfen Blut entdecken, trug selten etwas anderes als einen schwarzen Rollkragenpullover, der - vermutlich nicht ganz zufällig - an Steve Jobs erinnerte. Dazu wählte sie häufig einen schlichten schwarzen Anorak.

Und auch der vielleicht berühmteste Hochstapler der Literaturgeschichte wusste sich anzuziehen. Thomas Manns Felix Krull verkleidet sich, aber er versteht es, nicht zu übertreiben. Seine Outfits stechen nie hervor. Letztlich stellt er Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ auf den Kopf, wenn er seinen Helden sagen lässt: „Der Mann macht das Kleid.“ Und zwar Kleider, die so in sich ruhend sind, dass sie besonders gut die Menschen kleiden, die genug Charakter besitzen, um darin zu wirken. Das scheint die allerbeste Tarnung für Betrüger. Der Teufel mag Prada tragen, Hochstapler aber setzen auf Petit Bateau.

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