Germany

Wer soll bloß dieses Land regieren? Der Film „Wege zur Macht“ im Ersten

Wie schnell die Dinge sich ändern. Für seinen Film „Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr“ blickt Stephan Lamby zwölf Monate zurück, und was sehen wir? Wir sehen eine abgeschlagene SPD mit ei­nem nominierten Kanzlerkandidaten Olaf Scholz. Wir sehen die Grünen, die sich größte Hoffnungen machen, und wir sehen eine Union, die überzeugt ist, sie werde auch nach dem Ende der Regierungszeit von Angela Merkel die bestimmende poli­tische Kraft sein.

Michael Hanfeld

verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

Ein Jahr und zwei heftige Auseinandersetzungen um die Spitzenkandidatur bei Grünen und Union später ist die SPD mit Scholz obenauf, die Grünen finden sich mit Annalena Baerbock er­nüchtert in Umfragen nicht auf dem ersten, sondern dem dritten Platz, die Union bangt mit Armin Laschet um ihren Rang als Volkspartei. Eine Woche vor der Bundestagswahl ist alles offen.

Im Schlafwagen kommt keiner ans Ziel

Die „Wege zur Macht“ sind eben verschlungen. Wer glaubt, er komme im „Schlafwagen“ ans Ziel, liegt ebenso daneben wie jemand, der meint, er oder sie ganz allein verkörpere den Aufbruch, den die Bürger in diesem Land angeblich wollen. Am Ende könnte Beharrlichkeit den Ausschlag geben, oder besser gesagt, dass man den Eindruck vermittelt, beharrlich an ei­ner guten Politik zu arbeiten. Um zu erläutern, worin diese im Einzelnen besteht, genügen Schlagworte.

Eine Stärke des politischen Filmema­chers Stephan Lamby besteht darin, dass er mit seiner trockenen und unscheinbar wirkenden Art des Beobachtens und Fragens die Mechanik der Politik offenlegt. Er vollzieht die Geschehnisse im Laufe eines Jahres nach, zeigt, wie sie der einen oder dem anderen in die Karten spielen oder schaden und wie die Kandidaten und ihre Stäbe darauf reagieren. Er zeigt, wie Wahlkampf funktioniert. Er zeigt, wie sich unzureichende Vorbereitung rächt (Baerbocks Le­benslauf und Buch); wie ein im Bild festgehaltener Augenblick (Laschets Lacher im Hintergrund beim Besuch an der Erft), verstärkt durch die Medien und vor allem den Entrüstungssturm im Netz, sich eingräbt und wie derjenige, der am wenigstens Fehler macht und in ein kompliziertes Ge­flecht verstrickt ist (Scholz und der Cum-Ex-Skandal), am besten durchkommt. Weil Vereinfachung, Zeichen- und Bildhaftigkeit zählen, im digitalen Zeitalter mehr denn je.

Alle stehen Rede und Antwort

Bei Lamby ist das anders. Deswegen ra­gen seine Filme auch aus dem Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens he­raus. Da werden Bilder leichthändig eingeordnet. Da werden die Wahlkampfstäbe bei internen Runden gezeigt. Durch klug ausgewählte Gesprächspartner nicht nur aus der Politik – wie die Virologin Melanie Brinkmann, der Pianist Igor Levit oder eine Frau aus der „Querdenker“-Szene – kommt die Gesellschaft in den Blick. Dann stehen aus der Politik alle Rede und Antwort und verraten auch in kurzen Sequenzen mehr über sich als bei Triellen und Talkrunden und dem Eiertanz, mit dem Wählerinnen und Wähler bis zum Wahltag eingedeckt werden: Baerbock, Laschet und Scholz treten auf, Robert Habeck spricht, der etwas angeschlagen wirkt und gar nicht sagen muss, dass er der bessere Kandidat der Grünen gewesen wäre. Markus Söder hat sich der Räson der CDU-Führung gebeugt und kommt als vermeintlicher Kandidat der Herzen ganz gut klar. Christian Lindner zeigt, wie gut er mit Laschet kann und deutet an, dass zwischen FDP und Rot-Rot-Grün eine weltanschauliche Kluft so tief wie der Marianengraben liegt. Janine Wissler von der Linken hingegen ist so frohgemut angesichts eines möglichen Linksbündnisses, dass man denkt, dem könne gar nichts im Wege stehen. Alice Weidel von der AfD gibt sich als lässige Außen­seiterin, die es wurmt, dass ihre Partei niemand um Mitarbeit fragt, und tut, als seien eine illegale Parteispende von hunderttausend Euro „Peanuts“.

Am coolsten ist, wie Olaf Scholz sich um eine Antwort auf Lambys Frage drückt, ob er von dem Wahl­werbespot der SPD wusste, in dem Unionskandidaten (etwa Laschets Düsseldorfer Staatskanzleichef Nathanael Liminski) persönlich angegriffen werden. Scholz re­det sich in unnachahmlich einschläfernder Weise heraus, sodass man denkt: So macht man das. Das hat er sich bei Angela Merkel abgeschaut. Er sagt nichts, macht die Raute, und alle wissen Bescheid. Was hier heißt: Inzwischen hat Scholz eine solche Nummer nicht mehr nötig.

Die Kanzlerin, die sich aus dem Wahlkampf bis vor ein paar Tagen ganz heraushielt, taucht auch auf. Würde die Union die Wahl verlieren, sagt die Journalistin Kris­tina Dunz, würde das Merkels Ruhm am Ende mehren und wäre ihr persönlich vielleicht sogar Genugtuung. Das ist Lambys Schlusspointe, die er selbst nicht aussprechen muss. „Wie sich Deutschland ent­wickelt, hängt davon ab, wer regiert.“ Ob es ein radikaler Umbruch unter dem Deckmantel „Merkel II.“ ist? Lambys Film ist aufschlussreich.

Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr läuft an diesem Montag um 20.15 Uhr im Ersten.

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