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Wie Gerardo Seoane die Wohlfühloase Leverkusen trockenlegte

Vielleicht war die Zeit in La Coruña am Ende doch nicht umsonst. Damals, Ende der Neunziger, als Gerardo Seoane mit der Hoffnung auf eine internationale Spielerkarriere in die Heimat seiner Eltern gewechselt war. Womöglich legte der Schweizer während dieser 38 Monate in Spanien unbewusst den Grundstein für seinen späteren Erfolg als Trainer. Mit 19 Jahren hatte sich der talentierte Juniorennationalspieler nach Galizien verabschiedet und war dreieinhalb Jahre später zurückgekehrt, ohne einen Einsatz für die Profimannschaft von Deportivo absolviert zu haben.

Eine Enttäuschung und Fehlentscheidung, die ihn womöglich eine Karriere kostete, die über Luzern, Sion, Aarau und Zürich hinausgekommen wäre. Eine Zeit aber auch, in der der Innenverteidiger lernte, dass verlorene Jahre im Leben nicht mehr aufzuholen sind, und die in ihm eine Charaktereigenschaft prägte, die sein Handeln bis heute stark beeinflusst.

Analysen, die den aktuellen Höhenflug von Bayer Leverkusen vor dem Spitzenspiel gegen den FC Bayern am Sonntag zu erklären versuchen, landen oft beim Schlüsselwort „Solidarität“. Tatsächlich benutzt es Seoane bei nahezu jeder seiner Ausführungen und hat somit großen Anteil an der Erzählung, wonach seiner Mannschaft quasi per Handauflegen Korpsgeist und Loyalität einverleibt worden sind. Wer den Trainer erlebt und ihm zuhört, merkt allerdings auch, was dem 42-Jährigen mindestens genauso wichtig ist: Effizienz. „Ich orientiere mich am Machbaren und will mit dem, was ich vorliegen habe, das Maximum erreichen“, sagte er kurz nach seinem Dienstbeginn in Leverkusen.

STUTTGART, GERMANY - SEPTEMBER 19: Team coach Gerardo Seoane of Leverkusen is pictured before the Bundesliga match between VfB Stuttgart and Bayer 04 Leverkusen at Mercedes-Benz Arena on September 19, 2021 in Stuttgart, Germany. (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Optisch erinnert er an seinen Landsmann Roger Federer, und auch im Ehrgeiz scheinen sich die beiden ähnlich hzu sein

Quelle: Getty Images

Das Machbare – in Leverkusen immer schon der Anlass zu großen Träumen. Am fehlenden Potenzial lag es jedenfalls nicht, dass die Mannschaft während einer Saison immer nur phasenweise wie ein Spitzenteam auftrat und der Klub seit mehr als 28 Jahren keinen Titel mehr gewinnen konnte. 1993 besiegten die Rheinländer die Amateure von Hertha BSC im DFB-Pokalfinale. Seitdem versuchten sich 19 Trainer vergeblich daran, das mal mehr, mal weniger realistisch Machbare am Ende auch in einem adäquaten Saisonergebnis abzubilden. Klaus Toppmöller schaffte es 2002 immerhin zu zweiten Plätzen in der Bundesliga, im Pokal und in der Champions League. Doch selbst der Claim „Vizekusen“ konnte in der Liga seit mehr als zehn Jahren nicht mehr aufgeladen werden.

Seoane entwickelte eine App für Trainer

Gelingt Seoane, woran seine Vorgänger scheiterten? Die Bilanz nach den ersten zehn Pflichtspielen ist angesichts der Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit allenfalls ein Fingerzeig. Acht Siege hat Seoane seit Dienstbeginn eingefahren, das 3:4 im Spektakel gegen Borussia Dortmund blieb bislang die einzige Niederlage. Vielmehr sind es seine Ansprache an die Mannschaft, die Vorgaben und Beurteilungen von Temperament und Charakter des Teams, die vermuten lassen, dass in dieser Saison zu Ende gebracht werden könnte, was zuletzt allzu oft auf der Strecke blieb: endlich die unfassbaren Ressourcen des Klubs nutzen.

Der Schweizer scheint nach seiner Verpflichtung früh erkannt zu haben, woran es unterm Bayer-Kreuz chronisch krankt. Mit strengem Mittelscheitel und ernstem Blick wirkt er auch äußerlich wie dafür gemacht, um den latenten Malus zu beheben und dort, wo viele die größte Wohlfühloase der Bundesliga vermuten, dauerhaft Hunger und Gier zu wecken: „Ich wünsche mir, dass im Team und im Klub eine Stimmung entsteht, die Leistungsbereitschaft fördert und Leistungen einfordert.“

Eine vorzeitige Zufriedenheit ist zumindest bei Seoane selbst ausgeschlossen. Nachdem er seinen Heimatklub FC Luzern 2018 binnen einer Halbserie von einem Abstiegsrang auf Platz drei gecoacht hatte, führte er 2019 und 2020 die Young Boys Bern mit 20 Punkten Vorsprung zum Titel und distanzierte die Konkurrenz im Folgejahr sogar um 31 Zähler. Drei Jahre Bern: drei Meisterschaften plus ein Pokalsieg.

BERN, SWITZERLAND - JANUARY 20: Super League Best Coach Gerardo Seoane of BSC Young Boys poses for photos with his trophy during the Swiss Football League Awards 2020 on January 20, 2020 at Kursaal Arena in Bern, Switzerland. (Photo by Marcio Machado/Eurasia Sport Images/Getty Images)

Ausgezeichnet: Gerardo Seoane wurde in der Schweiz 2020 zum Trainer des Jahres gewählt

Quelle: Getty Images

Nebenbei entwickelte der Meistercoach gemeinsam mit seinem Assistenten Patrick Schnarwiler auch noch eine App: „Plan & Play“, ein Tool für Trainer im Jugendbereich, die durch Angabe der Teilnehmerzahl verschiedene Übungsvorschläge für ihre Einheit erhalten. Gedacht sei die Software insbesondere für Coaches, die im normalen Berufsleben tätig sind und nach Feierabend noch eine Mannschaft trainieren, erklärt Seoane. Eine Innovation, die dem Benutzer vor allem eines gibt: mehr Effizienz.

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