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100-Jährige aus Bebra kann ihren Vater im Museum besuchen

In der Ausstellung im Inselgebäude Bebra gab die 100-Jährige Erika Arend ihrem geliebten Vater zum Abschied die Hand.

Das kommt nun wirklich nicht alle Tage vor. Eine fast 101 Jahre alte, lebensfrohe Dame aus der Eisenbahnerstadt besucht mit der Familie ihres Neffen eine Ausstellung, in der ihr Vater auf sie wartet.

Bebra – Glauben Sie nicht? Nun ja: Es ist ein Besuch, den so nicht jeder machen kann. Nur die seit 2018 im Gama-Altenhilfezentrum in Bebra lebende, hier auch geborene und nach vielen Lebensstationen – im Krieg verschlug es sie als Krankenschwester bis nach Litauen und Lettland – wieder an den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrte Erika Arend, die am 23. Dezember bei den Geburtstagen, wenn man die 100 weglässt, wieder mit der 1 anfängt.

Erika kam als fünftes und jüngstes Kind des Bebraer Lokführers Adam Kehm und dessen zweiter Ehefrau Elise, geborene Taubert, auf die Welt. Schon als Achtjährige verlor sie ihren Vater. Der hatte wie jeder bei der Reichsbahn beschäftigte Lokführer eine Dienstuhr. „Damals legte man offensichtlich noch mehr Wert auf Pünktlichkeit“, schmunzelt Enkel Peter Kehm, der wohl letzte Vertreter der Lokführerdynastie Kehm, der sich als Eisenbahn-Urgestein und Stadtarchivar um die Aufarbeitung der Bebraer Eisenbahngeschichte verdient gemacht hat.

Mit der Familie ihres Neffens Peter Kehm (im Hintergrund mit Ehefrau Hannelore, vorne von links mit Enkelin Emilia, Sohn Heiko und Enkel Aaron) besuchte die 100-Jährige vor ein paar Tagen die neue Dauerausstellung.

Und der seiner Tante Erika natürlich davon erzählt hat, dass ein lebensgroßes Bild ihres Vaters – Peters Großvaters – in Raum 2 der im November im Inselgebäude des Bebraer Bahnhofs eröffneten neuen Dauerausstellung „Bahnhof Bebra – Knotenpunkt im Kaiserreich - Grenzstation im Kalten Krieg“ zu sehen ist. Auch davon, dass dessen gut verwahrte Dienstuhr Marke Saxonia dort ausgestellt ist.

Zum Schluss gab sie ihrem geliebten Vater die Hand

Als sie das gehört hatte, wollte die fast 101-Jährige unbedingt hin: „Sie wäre sicher auch hingekrochen“, mutmaßt Peter Kehm. Er erfüllte ihr auf jeden Fall den Wunsch, denn mithilfe eines Fahrstuhls gelangt man von der Bahnhofsunterführung leicht auf den ehemaligen Bahnsteig 2 und damit auch leicht zum Haupteingang der neuen Ausstellung. „Als wir dann mit meiner Frau Hannelore, meinem Sohn Heiko und dessen Kindern Emilia und Aaron mit Tante Erika vor ihrem Vater standen, hat sie alles cool weggesteckt. Sie sieht ja nicht mehr so gut, aber sie hat gelacht und gesagt: „So dünn war er nun auch nicht!“

Beim Anblick der Kofferwand erinnerte sich die bis ins hohe Alter immer sportlich gewesene alte Dame, die bei Geburtstagsfeiern im Altenhilfezentrum nach wie vor gerne Mundharmonika spielt und Gedichte aufsagt, daran, wo sie überall in den Kriegsjahren gewesen ist. Und natürlich gab sie ihrem geliebten Vater zum Abschied auch die Hand.

Und noch etwas: Eigentlich hätte der vor ein paar Wochen bereits 101 Jahre alt gewordene Bebraner Karl Bachmann gerne bei Erika Arend vorbeigeschaut, um sich mit ihr zusammen für unsere Zeitung fotografieren zu lassen. Nach ihrem 100. Geburtstag hat er sie im Gama-Altenhilfezentrum besucht und sogar ein kleines Tänzchen mit ihr gewagt. Leider musste er kurzfristig absagen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Lokomotivluft scheint dem Altwerden jedenfalls gutgetan zu haben. (Wilfried Apel)