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Auf Corona folgt der Hunger

Sunil Ravana und sein Bruder können überleben. „Ein Sack Reis reicht für uns beide für zwei Wochen“, sagt der 32-jährige. Er lebt im Slum Dharavi in Indiens Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai) von seinen kargen Ersparnissen. Aufgrund der Ausgangssperre zum Schutz vor Corona kann er nicht arbeiten – so wie Millionen anderer Arme in Indien, in Pakistan oder Bangladesch. In Indonesien fürchtet die Regierung, 70 Millionen Tagelöhner säßen nun ohne Einkommen und damit auch ohne Nahrung in ihren Hütten. Nachdem ein Mann in seinem Dorf Reis gestohlen hatte, berichtete die Polizei, er habe seit Tagen nichts mehr zu essen gehabt.

Christoph Hein

Christoph Hein

Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

Hunger droht immer mehr zur nächsten Herausforderung der weltweiten Corona-Krise zu werden. Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen warnt vor einer Hungersnot „biblischen Ausmaßes“ in zahlreichen Ländern Südasiens und Afrikas. Im vergangenen Jahr, so die Wissenschaftler, litten 135 Millionen Menschen in 55 Ländern schon unter Hunger, vor allem in Afrika. Corona aber mache nun alles viel schlimmer: „Die Länder könnten vor der bedrückenden Wahl stehen, Leben oder Lebensgrundlagen zu erhalten. Im schlimmsten Fall führte das dazu, Menschen vor Corona zu schützen, nur damit sie dann verhungern.“

Insbesondere warnen die Analysten vor heraufziehenden Krisen in Inselstaaten und in Öl-exportierenden Ländern: „Sie sind meist Nettoimporteure von Lebensmitteln und ihre Menschen hängen vom Tourismus und den Überweisungen ihrer Gastarbeiter im Ausland ab.“ Die Gastarbeiter – Inder in Dubai, Bauarbeiter in Singapur oder Haushaltshilfen in Hongkong – aber verlieren gerade ihre Stellen. „Ihre Überweisungen helfen rund einer Milliarde Menschen auf der Welt. Sie unterstützen 800 Millionen Haushalte in Entwicklungsländern“, warnt das Weltwirtschaftsforum vor einem Wegschmelzen der Einkommen ganzer Familien in Asien und Afrika.

Ökonomen skizzieren ein bitteres Szenario

David Beasley, der Chef des WFP, bezeichnet die Krise als „die schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg“. In der Präsentation vor dem Sicherheitsrat der UN entschuldigte er sich für seine „Offenheit“: „In einigen Monaten könnten wir mehrere Hungersnöte biblischen Ausmaßes gegenüberstehen. Die Wahrheit ist: Uns bleibt kaum noch Zeit.“ Schon in den vergangenen zwei Jahren sind aufgrund der Heuschreckenplage, der Dürren durch den Klimawandel und der Schweinepest die Lebensmittelpreise in Südasien um 16 Prozent, in China um 18 Prozent gestiegen – da Arme einen wesentlich größeren Teil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen, werden sie von solchen Preissteigerungen deutlich härter getroffen als die Mittelschicht oder die Wohlhabenden.

Die Verwerfungen treffen die verletzlichen Länder. Beispiel Pakistan: Die Hälfte der Frauen und Kinder leidet unter Anämie; rund 4 Millionen Menschen litten schon vor Corona unter Versorgungsproblemen mit Lebensmitteln, mehr als eine Million hungerte. Der Chefvolkswirt des WFP lässt keinen Zweifel an der Verschärfung der Lage: „Wie ein Hammer trifft das Millionen, die sich nur dann ernähren können, wenn sie arbeiten dürfen“, sagte Arif Husain über die Corona-Krise und die damit verbundenen Ausgehverbote. „Diese Verbote und die Rezession haben ihre Ersparnisse schon schmelzen lassen. Es braucht nur noch einen einzigen Schock, um sie über die Klippe zu stoßen.“

Die WFP-Ökonomen skizzieren ein bitteres Szenario: „Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit und Krankheiten werden aller Wahrscheinlichkeit nach die Arbeit im Agrarsektor verringern, was zu steigenden Lebensmittelpreisen führen wird. Protektionismus wie Zölle oder ein Ausfuhr-Bann könnten die Nahrungspreise auch treiben, während die Krisenländer, die an stark an Lebensmittel-Importen hängen, unter steigenden Preisen leiden werden, wenn ihre Währungen weiter abwerten. Wenn dann große Importländer auf Panikkäufe verfallen, werden die Preise für Grundnahrungsmittel noch weiter steigen.“

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