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Der Mörder ist immer der Nanobot

Nanobots können ja ein Segen sein. Klitzekleine Molekularmaschinen, die wohltätig wirken gegen Tumore, uns von Schmerzen befreien können.

Sie revolutionieren sogar die geheimdienstliche Tätigkeit, weil man sie minimalinvasiv zielgerichtet und individuell programmieren kann. Dass sie beispielsweise nur Alexander Lukaschenko töten, sonst aber in Belarus keinen Menschen.

Haben wir bei James Bond gelernt. Und dass man diese Dinger – wie beinahe alles, was die Wissenschaft für das Glück der Menschheit entwickelt – missbrauchen kann.

Zum Beispiel für einen globalen Rachefeldzug. „Unsichtbar“, der neue Dresdner „Tatort“, könnte man zumindest in der Hinsicht als kleine sächsische Schwester von 007 bezeichnen.

Auch da sind die Nanobots los. Auch da west im Hintergrund ein erzböser Engel. Auch der hat viel verloren, auch dem hat sich die Schuld der Anderen eingebrannt in die Haut. Auch der nimmt die potentiell weltrettenden Helferlein und setzt sie für eine zutiefst verachtenswürdige Privatfehde ein.

Ungesunde Post: Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski)

Ungesunde Post: Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski)

Quelle: MDR/MadeFor/Hardy Spitz

In der Hand des Megabot Mensch pervertieren die Nanobots. Die Frage danach, wie moralisch Wissenschaft sein sollte, verhandelt „Unsichtbar“ dabei übrigens genau so wenig wie „Keine Zeit zu sterben“. Sebastian Markas Film ist insofern entschuldigt, als ihm deutlich weniger Erzählzeit zur Verfügung steht als Cary Fukunaga.

Was der Fall ist, ist Folgendes: Eine junge Frau bricht auf der Straße zusammen. Sie wurde verfolgt, gestalkt. Sie bekam finstere Anrufe. Eine tote Ratte liegt in ihrem Restaurant.

Sie hatte komische Schmerzen in den Händen, in den Beinen. Erinnern soll sie sich. Sie weiß nicht, woran. Sie hält das nicht mehr aus. Dann ist sie tot. Anna Schneider hat sie geheißen.

Darin, die Folgen des Bot-Missbrauchs zu zeigen, den Wahnsinn, den er auslösen kann, ist „Unsichtbar“ dem finalen Craig-Bond weit überlegen. Was auch daran liegt, dass der Wahnsinn nicht aufhört, nach dem Ableben der Anna Schneider.

Der Kommissarin Gorniak geht es nämlich auch komisch. Schmerzen in den Händen, in den Beinen. Komische Videos bekommt sie zugeschickt. Eine Party ist darauf zu sehen. Sie soll sich erinnern. Sie weiß nicht woran.

Eine Waffe gegen das Verdrängen

„Verdrängung“, sagt mal jemand in „Unsichtbar“, „ist ein Geschenk des Himmels.“ Dem dunklen Erzengel im Hintergrund des „Tatort“ hat der Himmel nichts geschenkt. Er hat ihm aber eine Waffe in die Hände gespielt gegen das Verdrängen.

Eine Waffe, die ein perfektes Verbrechen möglich macht. Und das Kriminalgenre (wie das Spionagethrillergenre) damit eigentlich aus den Angeln heben könnte. Was „Unsichtbar“ natürlich nicht tut. Wir sind an einem Sonntagabend in Deutschland.

Mit der minimalinvasiven Auflösung seines dramaturgischen Klettergerüsts geht das Drehbuch von Michael Comtesse allerdings trotzdem schon ziemlich weit.

Comtesse lässt auf beinahe jeder Ebene seiner Figurenfamilienaufstellung Themen-Bots los. Unter der Oberfläche der Mordermittlungsgeschichte wirken die horizontalen Dresdner Mikroerzählungen weiter.

In einer Vollständigkeit, wie sie vielleicht nicht wirklich notwendig gewesen wäre. Die Generationskonflikte, das Mutter-Sohn-Ding, das Wutbürgersyndrom, das Kolleginnendilemma.

Dass es dennoch funktioniert, ist dem Fluss zu verdanken, dem Sog, den Malka gemeinsam mit den anderen Gewerken dieses Falls hinbekommen hat. Der einen schon nach ein paar Minuten mitnimmt und über die erwähnten und ein paar andere Untiefen zieht.

Phantom der Wissenschaft: Anna Maria Mühe als Martha Marczynski

Phantom der Wissenschaft: Anna Maria Mühe als Martha Marczynski

Quelle: MDR/MadeFor/Hardy Spitz

Die angemessen angeschrägte Bilderwelt, die industriell dräuende, perfekt geschnittene Musik, die Markas nur scheinbar gegenwärtiges Drama aus dem Innovationspark des „Tatort“ in jene Nahzukunft versetzen, in der es spielt.

Ziemlich finsteres Ding, das. Wird man sich merken. Und das nicht nur des kupfernen Haarhelms wegen, den Anna Maria Mühe über anderthalb Stunden tragen muss.