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Ein Kind im Winter: Norbert Gstreins Roman „Der zweite Jakob“

Perfekter Rückzugsort für alternde Männer, die sich überall verlassen fühlen, nicht nur in der Einöde: Farm am Red Rock Pass in Montana Bild: picture-alliance / dpa

Mit „Der zweite Jakob“, seinem fulminanten Roman über einen Mann auf der Flucht vor der eigenen Lebensgeschichte, zählt Norbert Gstrein zu den Favoriten für den deutschen Buchpreis.

Ein Mann zieht Bilanz: drei Ehen ruiniert, drei Morde begangen, wenngleich nur als Schauspieler in seinen Filmen. Die eigene Tochter „weggegeben“ und in ein englisches Internat gesteckt, mit der Familie und dem Heimatdorf gebrochen, sich verhasst gemacht, den Namen gewechselt, aber Provinzherkunft und Vergangenheit nie abgeschüttelt. Eine Berühmtheit geworden, aber auch, wie Tochter Luzie es formuliert, bekannt als der große Schauspieler, „der so blöd gewesen ist, eine Rolle auszuschlagen, die dann John Malkovich angenommen hat“. Was soll so einer sagen, wenn seine Tochter ihn fragt, was das Schlimmste sei, was er im Leben getan habe?

Jakob Thurner hat reichlich Auswahl, aber er muss nicht lange nachdenken. Vor Jahren war er an einer Sache beteiligt, „die nicht gut ausgegangen ist“. Dann erzählt er, was er nie zuvor jemandem erzählt hatte, und für Thurners Tochter Luzie bricht eine Welt zusammen – „es war unsere gemeinsame Welt“.

Wir erfahren zwar sofort, was damals während der Dreharbeiten zu einem Film im Grenzgebiet zwischen Texas und Mexiko geschehen ist, aber erst 150 Seiten später schildert Gstrein das Geschehen ausführlich, mit allen Details, allen Widersprüchen, allen Zweifeln. Eine Schauspielerkollegin und Thurner haben in New Mexico nachts einen Menschen überfahren, sie saß am Steuer, er hat die Leiche ins Gebüsch gezerrt und versucht, alle Spuren zu verwischen. Danach gingen die Dreharbeiten weiter,und Thurner spielte wieder, was er schon einmal gespielt hatte: einen Frauenmörder.

Norbert Gstrein: „Der zweite Jakob“. Roman. Verlag Carl Hanser, München 2021. 448 S., geb., 25,– €

Norbert Gstrein: „Der zweite Jakob“. Roman. Verlag Carl Hanser, München 2021. 448 S., geb., 25,– € : Bild: Carl Hanser Verlag

Norbert Gstreins Roman „Der zweite Jakob“ beginnt als abgründige Vater-Tochter-Geschichte, die der Autor geschickt nutzt, um die Fliehkräfte in Schach zu halten, die an seiner komplexen Erzählkonstruktion zerren. Denn Gstrein entfaltet mit beachtlichem Tempo und großem Geschick ein ganzes Bündel von Themen und Motiven, lädt es mit literarischen Verweisen auf eigene und fremde Werke und deutlichen, mitunter allzu deutlichen autobiographischen Anspielungen auf, um all das einem Mann in den Mund zu legen, der unverkennbar zur Kernfamilie der Gstrein-Figuren gehört: Künstler, aus Tirol stammend, als Ich-Erzähler notorisch unzuverlässig. Wieder so einer, möchte man sagen, und könnte dabei an jenen ersten Satz der Erzählung „Einer“ denken, mit der Gstrein 1988 debütierte: „Jetzt kommen sie und holen Jakob.“

Längst durchschaut

Mit „Der zweite Jakob“ knüpft Gstrein an die frühe Geschichte über einen Außenseiter an, der als Ausgestoßener am Rande der Dorfgemeinschaft ein trostloses Dasein führte. Im neuen Roman ist Jakob der wunderliche Onkel des Ich-Erzählers, der als Kind in ein Heim gegeben wurde, weil er menschenscheu und wortkarg war und in seiner eigenen Welt zu leben schien. Nur mit Mühe und gleichsam in letzter Sekunde konnte Jakob vor der drohenden Ermordung durch die Nazis bewahrt werden. Thurner, der in einem Akt der Identifikation als Kompensation von Schuldgefühlen den Namen des Onkels als Künstlernamen annimmt, sollte das Erbe von Onkel Jakob verwalten, hat sich mit dem Geld aber lieber seinen luxuriösen Lebensstil finanziert. Was ist das Schlimmste, dass einer in seinem Leben getan hat?