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Frankreichs Presse vor der Bundestagswahl: Das imaginäre Land

„Wir sind gerettet“, twittert Ludovic Subran, „alle U-Boot-Spezialisten und Virologen, die fließend Dari sprechen und die Bilanz eines chinesischen Immobilienkonzerns durchschauen, erklären uns fortan, was bei den Bundestagswahlen auf dem Spiel steht.“

Der Franzose, Chefökonom bei Allianz, hat mit seinem Spott nicht ganz unrecht. Die französischen Nachrichten- und Radiosender haben voll auf „Allemagne“ umgeschaltet, und nicht immer sind es Deutschlandkenner, die ihre Wahlprognosen und Analysen zum besten geben. Aber es scheint vielen auch gar nicht um Deutschlands Zukunft zu gehen, sondern um ein imaginäres Land jenseits des Rheins.

Dem Chefredakteur von „Libération“, Dov Alfon, fällt zu Deutschland „Autobahn“ und „Wetterstein“ und eben „Merkel“ ein, wie er offenherzig in seinem Kommentar bekennt. Vielleicht ließ er die Sonderausgabe zur Wahl auch deshalb „Mutti, es ist vorbei!“ betiteln. Zum Glück leistet sich „Libération“ einen Deutschlandkorrespondenten, der fachkundig Bilanz zieht. Die Printpresse mit „Le Monde“, „Le Figaro“, „Les Echos“ und anderen Titeln hat wie Radio France und RFI ständig Journalisten auf Posten in Berlin. Bei den meisten TV-Nachrichtensendern ist das nicht der Fall, und auch der größte Privatfernsehsender TF1 fliegt nur gelegentlich einen Reporter nach Berlin ein. In seinem Buch „Ausländische Wunde“ („Lésion étrangère“) beschreibt der TF1-Reporter Alain Chaillou, wie groß die Vorurteile gegen das Nachbarland in seiner Redaktion seien. Deutschland gelte als „chiant“, also „beschissen“.

Das parlamentarische System der Bundesrepublik bleibt vielen Franzosen fremd. Dass Merkel als Bundeskanzlerin nicht so wie ein französischer Präsident durchregieren kann, fällt bei den Rückblicken in der Presse meistens in den Hintergrund. Reaktion statt Aktion, so wird sie beschrieben. Nur selten wird darauf hingewiesen, dass sich Merkel in ihren sechzehn Regierungsjahren zwölf Jahre lang die Macht mit der SPD teilte.

Olaf Scholz hat es geschafft, sich als Oppositionsführer und Mann der Er­neuerung einzuführen. Anne Hidalgo, die sozialistische Präsidentschaftskandidatin und Bürgermeisterin von Paris, hat sich eigens in den Thalys gesetzt, um bei der letzten Kundgebung von Scholz in Köln dabei zu sein. Sie hofft, dass sein möglicher Sieg auf sie abfärben könnte. Zugleich wäre sie gern die Merkel Frankreichs, was zu den Wahlplakaten von Scholz passt. Aber auch die rechtsbürgerliche Kandidatin Valérie Pécresse verspricht, „zwei Drittel Merkel und ein Drittel Thatcher“ zu sein.

Scholz oder Laschet?

Die Merkel-Nostalgie hat in den Medien einen Höhepunkt erreicht, da sie sich mit der in Frankreich stark gepflegten Binsenweisheit trifft, dass früher irgendwie alles besser war. Die Kanzlerin ist der Fixpunkt, um den alle Medienberichte kreisen. Zur Meisterschaft gebracht hat diese Deutschland-Erzählung die Journalistin Marion Van Renterghem, deren Buch „C’était Merkel“ („Das war Merkel“) prägend geworden ist. Unter der Überschrift (auf deutsch) „Auf Wiedersehen“ schrieb die Autorin für das Nachrichtenmagazin L’Express ein Abschiedsporträt der Bundeskanzlerin. Die Überschrift ist dabei doppeldeutig: Van Renterghem wurde trotz unzähliger Versuche nie ein Interviewtermin gewährt, ein Wiedersehen kann es also schwerlich geben.

„Merkel ist eine Pop-Ikone“, lautet Van Renterghems These. Merkmale wie Bescheidenheit, Uneitelkeit und Redlichkeit sind Kult in einer Nation, deren Präsidenten mit der Machtfülle und in Palästen republikanischer Monarchen herrschen. In ihrem unterhaltsamen „PodKast“ mit dem Titel „Die Politik nach Merkel“ hat die Deutschlandkorrespondentin Hélène Kohl die Zukunft skizziert. Sie stellte Olaf Scholz, Armin Laschet und Annalena Baerbock vor, die größte Zuhörerschaft wurde jedoch der Aufzeichnung zu Angela Merkel zuteil. Der Endspurt im Wahlkampf wird vor allem durch die französische Brille verfolgt: Wer wäre der beste Kanzler für die Franzosen? Der Journalist Jean-Dominique Merchet von L’Opinion hat es auf die kurze Formel gebracht: Scholz wäre gut für die Finanzen und schlecht für die Verteidigung, Laschet gut für die Verteidigung und schlecht für die Finanzen.

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