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Geistliche Musik nahe am Menschen

Was macht ein Künstler, der gewohnt ist, als Dirigent, Komponist, Sänger und Pädagoge zu leben und zu arbeiten, wenn das musikalische Schaffen über einen langen Zeitraum zum Zwangsstillstand kommt? Viele Musiker haben sich diese Frage stellen und Antworten finden müssen.

Schongau - Auch Christoph Garbe, bis zum Frühjahr 2020 Künstlerischer Leiter des „Festlichen Sommers in der Wies“, wollte seine Kreativität nicht ausbremsen lassen. Schon lange ist Garbe begeistert vom solistischen Improvisieren mit der eigenen Stimme, hatte vor allem in sakralen Räumen damit Erfahrung gesammelt. Seine Experimentierfreude hat ihm während des Lock-Downs eine ganz erstaunliche Tür geöffnet, die bislang eher im Jazz und Rock bekannt ist, auch von Pop-Gitarristen immer wieder verwendet wird. Garbe hat den „Loop“-Gesang für sich entdeckt.

„Ich wollte einfach singen, das hat mir extrem gefehlt. Die Vorstellung, dabei ganz auf mich allein gestellt zu sein, keine Kompromisse eingehen zu müssen, die beim mehrstimmigen Musizieren sonst stets gefordert sind, fand ich unglaublich reizvoll. Mich ausschließlich auf meine Stimme und die jeweilige Situation einzustellen, finde ich enorm spannend“, sagt er.

Quasi seit Kindesbeinen von der Mehrstimmigkeit fasziniert, kreierte der vielseitige Musiker eine auf dem klassischen Gesang basierende Loop-Technik, in der er – immer live –, Schicht um Schicht seinen eigenen Gesang übereinander legt, dazu improvisierend neue Linienführungen, Texte und Klangfelder ineinander verzahnt. Dabei zeigten sich ihm erstaunliche Entdeckungen. „Im Loop höre ich über Kopfhörer alle Stimmen sehr präsent. Ich singe für und in das Mikrofon und nicht für den mich umgebenden Raum. Das fordert eine deutlich andere Art des Singens von mir.“

Was aus dem Lautsprecher dringt, ist für ihn nicht hörbar, umgibt nur den Zuhörer. Auch die sonst für jeden Sänger spürbare eigene Körperresonanz auf die Stimme verändert sich, während Garbe zwischen Bassschwärze und tenoralen Höhen tönt. „Die Modi, also Kirchtonarten, gefallen mir schon lange, sie ermöglichen intonationsstabiles Singen. Die mehrstimmige Klarheit ohne Vibrato, ein perfektes Stilmittel in der Hochblüte von Renaissance und Frühbarock um 1600, hat es mir einfach angetan.“

Garbe hat lateinische Messtexte als Grundlage gewählt. Auch kurze barocke Zweizeiler aus den Federn von Angelus Silesius und Daniel Czepko von Reigersfeld, dessen „Sexcenta Monodist werden als Klangimprovisation gestaltet. „In den spirituellen Texten dieser Mystiker findet sich immer wieder ein unerwarteter Witz, ihre Kürze und Prägnanz bewundere ich sehr.“

Vom heutigen Montag an bis Freitag, 6. August, jeweils von 11 bis 13 Uhr, ist Christoph Garbe unter dem Titel „Geistliche Musik nahe am Menschen“ in der Heiliggeist-Spitalkirche in Schongau zu erleben. Es gibt vier Blöcke zu je 30 Minuten für vier Gruppen von derzeit maximal sechs Hausständen, die dort bei freiem Eintritt als Zuhörer eingeladen sind. Garbe selber holt die Zuhörer am Kirchenportal ab, ist auch zuständig fürs Lüften und Desinfizieren der nummerierten Plätze sowie für das Erfassen der Personaldaten. Das Tragen einer FFP2-Maske ist notwendig. Eine Voranmeldung für dieses ungewöhnliche Experiment ist nicht erforderlich. Weitere Informationen unter www.klangsucher.de.

DOROTHE GSCHNAIDNER

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