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Ist dies das skandalträchtigste Buch des Herbstes?

18. September, Mittagsupdate: Ist dies das skandalträchtigste Buch des Herbstes?

Rijneveld? Kommt mir irgendwie bekannt vor. War das nicht –

Genau, die Übersetzerin von Amanda Gorman. Beziehungsweise die Nicht-Übersetzerin von Amanda Gorman.

Moment, wie jetzt?

Gormans Gedicht „The Hill We Climb“, das sie bei der Amtseinführung von Joe Biden vortrug, sollte ins Niederländische übersetzt werden. Aktivistinnen beklagten, dass damit eine Weiße die Worte einer Schwarzen übersetzen würde. Marieke Lucas Rijneveld trat dann von dem Auftrag zurück.

Wieso Marieke und Lucas als Vornamen?

Rijneveld identifiziert sich als nonbinär. Übrigens gilt die 30-Jährige als ausgezeichnete Lyrikerin und Übersetzerin, was den Gorman-Fall umso grotesker macht.

Okay, und das neue Buch?

Geht um einen Tierarzt und die Tochter eines Bauern, die in einer düsteren Obsession zueinanderfinden. Also Freud, nur mit Tieren.

Klingt strange. Soll ich das lesen?

Für ihr Debüt hat Rijneveld letztes Jahr den International Booker Prize bekommen und sich unter anderem gegen Kehlmanns „Tyll“ durchgesetzt. Sie war mit 29 die jüngste Preisträgerin überhaupt.

Gut, aber dieses „Prachttier“ nun?

Der neue Roman ist in den Niederlanden als einer der skandalträchtigsten des Jahres diskutiert worden, insofern: Ja, lesen. Erscheint aber erst am 26. September.

Marieke Lucas Rijneveld: Mein kleines Prachttier. Aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen. Suhrkamp, 364 Seiten, 24 Euro.

18. September, Morgenupdate: Tierisch daneben

Um nicht missverstanden zu werden: Tieren stehe ich prinzipiell wohlwollend gegenüber. Als Kind besaß ich einen Wellensittich namens Hansi, den ich, ehe er recht früh verstarb, stets freundlich behandelt habe, und wenn sich heute Fruchtfliegen oder Silberfischchen in meine Wohnung verirren, versuche ich diese auf unbrutale Weise zu beseitigen. Schäferhunden, Bullterriern und wild gewordenen Ochsen gehe ich aus dem Weg, was mir aber als durchaus legitimer Umgang mit der Tierwelt erscheint.

Das Verhältnis von Hund und Literatur hat eine lange Tradition

Das Verhältnis von Hund und Literatur ist traditionsreich

Quelle: Getty Images/Burak Karademir

Ich bin mit Bernhard Grzimek und Horst Stern aufgewachsen und weiß, dass das Verhältnis von Mensch und Tier ein höchst wichtiges ist, lese die zahlreichen Forschungsarbeiten zur Tierethik mit Interesse und haue mir mein Entrecôte manchmal mit schlechtem Gewissen in die Pfanne. Mein Verhältnis zu Tieren wird nur zwiespältig, sobald sie mir in Büchern begegnen. Gewiss, gegen Literatur, die von Walen oder hässlichen Entlein handelte, hatte ich nie etwas. Der Rabe Abraxas aus Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ zählt gar zu seinen Lieblingstieren. Mittlerweile blicke ich jedoch mit Argwohn auf das, was die Verlage Saison für Saison an Tierischem ausstoßen.

Ganz neu ist dieser Trend nicht. Ein ehrenwerter Verlag wie Schöffling finanziert seit langem sein literarisches Programm mit Katzenkalendern quer, die allenthalben Nachahmer fanden. Was jedoch in diesem Herbst auf uns niederkommt, scheint das erträgliche Maß zu sprengen. Die Verlagsprogramme quellen über mit Titeln – mal als „fiction“, mal als „non-fiction“ verpackt –, die auf anbiedernde Weise ins Zwiegespräch mit Tieren aller Art treten. Nein, gemeint sind nicht die löblichen „Naturkunden“-Bände des Verlags Matthes & Seitz, die uns in den letzten Jahren mit so viel Wissenswertem über Tiere (Esel, Tauben, Füchse) versorgten, über die wir zuvor gar nicht so viel wissen wollten. Nein, es sind mal wieder die Hunde und Katzen, die sich einen erbitterten Konkurrenzkampf um die Poleposition auf dem Buchmarkt liefern.

Cover Buch Buchcover Pfoten vom Tisch! Hape Kerkeling , Piper Verlag

Hape Kerkelings neues Buch

Quelle: Piper

Allen voran natürlich Hape Kerkeling, der schon vor Jahren mit seinem Megabestseller „Ich bin dann mal weg“ dazu aufforderte, sich aus unserer unwirtlichen Gesellschaft auszuklinken. Sein neuestes Werk, das sofort die Verkaufscharts stürmte, heißt „Pfoten vom Tisch. Meine Katzen, andere Katzen und ich“ (Piper) und erzählt von Peterle, Bolli und Kitty, die den Weg des Autors als Katzenliebhaber begleiteten. Das hat – Kerkeling ist ja ein grundsympathischer Mann – Witz und Charme, wenngleich man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass der Verlag diese Erinnerungen ein wenig zum Buch aufgebläht hat – angereichert mit Informationen aus der Katzenkulturgeschichte und allerlei Hinweisen zur Haltung dieses vom Menschen oft so unbeeindruckten Tieres. Seine Platzierung als Spitzenreiter dürfte Kerkeling in diesem Herbst niemand mehr nehmen.

Kerkelings Katzen bekommen Konkurrenz von den Hunden. Vom Kritiker Denis Scheck und seiner Ehefrau Christina Schenk folgt am 7. Oktober „Der undogmatische Hund. Eine Liebesgeschichte zwischen einer Frau, einem Mann und einem Jack Russell“ (Kiepenheuer & Witsch).

Der „unfasslich niedliche“ Familienhund hört auf den Namen Stubbs, und der Ankündigung zufolge berichtet das schreibende Paar nicht nur von „verrückten Begegnungen auf dem Hundeplatz“, sondern unternimmt auch Ausflüge in die Weltliteraturgeschichte des Hundes. Vielleicht überzeugt mich das ja davon, dass die deutschsprachige Literatur auf diesem Sektor mehr zu bieten hat als die ein klein wenig langweiligen Geschichten „Krambambuli“ (von Marie von Ebner-Eschenbach) und „Herr und Hund“ (von Thomas Mann). Angekündigt wird das Scheck/Schenk’sche Werk mit einem Slogan, bei dem sich der Verlag schwer ins Zeug gelegt hat: „Ein Buch, das BELLetristik neu definiert“.

Generell gilt: Werke, in denen Tiere sich nicht darauf beschränken, zu muhen, zu krähen oder zu bellen, sind mir suspekt. Hier halte ich es mit dem Schriftsteller Peter Härtling, der bei einer Podiumsrunde einst apodiktisch urteilte: „Sprechende Tiere in Büchern lehne ich prinzipiell ab!“. Nicht alle wollten Härtlings Haltung folgen. Mit Sorge wiege ich das neueste Werk des glanzvollen Erzählers Michael Köhlmeier in meinen Händen.

Es heißt „Matou“ (erschienen bei Hanser) und umfasst knapp eintausend eng bedruckte Seiten. Der Roman, der von der Französischen Revolution bis in unsere Gegenwart reicht, wird – ja, es ist nicht zu leugnen – von einem Kater erzählt, der auf einem Wiener Dachboden sitzt. „Ich will dir einen Kater in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Kater werde ich selber sein“ – so setzt dieser Roman ein, und ich werde versuchen, bei der Lektüre nicht an Peter Härtling zu denken, und so tun, als wäre eine Katze als Ich-Erzähler das Normalste auf der Welt. E.T.A. Hoffmanns „Kater Murr“ habe ich ja auch irgendwie geschafft.

Über weitere Neuerscheinungen aus dem Hunde- und Katzen-Bereich halte ich Sie, liebe lesende Tierfreundinnen und Tierfreunde, auf dem Laufenden. Vielleicht kehren ja bald auch die singenden Hunde zurück. Loriots Wum und sein „Ich wünsch mir ne kleine Miezekatze“ stand 1972/73 ganz vorne in den deutschen Hitparaden. Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg

17. September, Abendupdate: Toxische Männlichkeit im Gewand der Indifferenz

Er gilt als eine der interessantesten literarischen Entdeckungen der jüngeren Zeit: der junge Londoner Schriftsteller Gabriel Krauze. In seinem autobiografisch gefärbten Roman „Beide Leben“ lässt er den jungen Typen Gabriel, genannt Snoopz, durch die kriminelle Szene des düsteren Stadtteils South Kilburn treiben. Snoopz führt ein Doppelleben, er versteht sich als Gangster, aber eigentlich studiert er englische Literatur.

Er kommt nicht von unten; er begibt sich dorthin, weil er den Lifestyle der Halbwelt wie den Rauch der Joints inhalieren will. Seine Freunde allerdings sind so echt und brutal, wie die sie umgebende Architektur brutalistisch ist. Im kalten, harten London ist South Kilburn eine abgeschlossene Welt, beobachtet von Überwachungskameras. Krauzes Roman zeigt Gewalt als Phänomen toxischer Männlichkeit, aber ohne sie literarisch zu problematisieren – die Figur Snoopz lebt von ihrer moralischen Indifferenz.

Offensive Gangsta-Inszenierung: Der Autor Gabriel Krauze

Offensive Gangsta-Inszenierung: Der Autor Gabriel Krauze

Quelle: Tom Jamieson

„Beide Leben“ ist ein sprachlich dichter, hyperexpressiver, fließender Text, im Rhythmus von Gangsta-Rap und Grime gehalten, wozu der Cockney-jamaikanische Originaltitel „Who they was“ noch besser passt. Man muss Lust haben, sich auf diesen anderen Großstadt-Roman und seinen Londoner Franz Biberkopf einzulassen. Oder auf die ziemlich offensive Gangsta-Inszenierung des Autors. Am Ende ist es aber ein literarisches Spiel, und zwar ein durchaus unterhaltsames. Marlen Hobrack

Gabriel Krauze: Beide Leben. Aus d. Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Kein & Aber, 380 Seiten, 23 Euro.

17. September, Morgenupdate: Rekordpreis für ungeöffneten „Frankenstein“

Können Sie auch keine Bücher wegschmeißen? Stehen auch Sie lieber unter Messie-Verdacht als ein einziges zerlesenes Taschenbuch in der Papiertonne zu dumpen? Und schleichen auch Sie – versucht, aber zweifelnd – um jene zu Bücherklappen umfunktionierten Telefonzellen in der Stadt, in der man angeblich Bücher „tauscht“, obwohl Sie noch nie – nie! – gesehen haben, dass jemand darin ein Buch adoptiert?

Nein, es steht nicht gut um die Bücher, aber vielleicht steht es besser um sie, als man denkt. Zumindest um jene, die ein gewisser Theodore B. Baum zu sich genommen hat, um sie nun dem Auktionshaus Christie’s zu überantworten, das seine herrliche Sammlung in diesen schon herbstlichen Septembertagen versteigert hat.

Was da nicht alles dabei war! Eine nicht einmal aufgeschnittene Erstausgabe von Mary Shelleys „Frankenstein“! Ein von Joyce signierter „Ulysses“! Das Verleger-Exemplar von Dickens‘ „Great Expectations“! Und vor allem: Die großen Erwartungen Christie‘s wurden sogar übertroffen. Der Dickens zum Beispiel, auf maximal 120.000 Dollar taxiert, hat über 160.000 erzielt, und der ungelesene „Frankenstein“ statt den erwarteten 300.000 Dollar gar 1,17 Millionen eingebracht.

Man stelle sich vor, dass mal so was in der überkommenen Telefonzelle steht! Allerdings: Nicht mal so eine schöne Auktion ist frei von Ironien. Die erste: Die meisten der versteigerten Autoren haben nie solche Summen gesehen. Und zweitens: Mister Baum hat sein Geld mit Kabelfernsehen verdient. Wieland Freund

16. September, Morgenupdate: Mehr Marx, weniger Schiller – Laschets „Entfesselung“ entschlüsselt

Armin Laschet hat offenbar einen wilden Entschluss gefasst: Mehr Marx, weniger Schiller. Als der CDU-Kanzlerkandidat in seinem Sofortprogramm die „Entfesselung“ der Wirtschaft versprach, kam Menschen, die über eine bildungsgrundierte Metaphernmusikalität verfügen, sofort Marx den Sinn. Der feierte die Bourgeoisie im „Manifest“ dafür, dass sie die feudalen Eigentumsverhältnisse beseitigt habe, denn: „Sie hemmten die Produktion, statt sie zu fördern. Sie verwandelten sich in ebenso viele Fesseln. Sie mussten gesprengt werden, sie wurden gesprengt.“

Schiller dagegen war ausgesprochener Entfesselungskeptiker und schrieb: „In den niedern und zahlreichern Klassen stellen sich uns rohe gesetzlose Triebe dar, die sich nach aufgelößtem Band der bürgerlichen Ordnung entfesseln, und mit unlenksamer Wut zu ihrer tierischen Befriedigung eilen.“ Der Dichter hatte die Französische Revolution und ihre Exzesse im Sinne.

Echte Konservative betrachten Fesseln seitdem immer als etwas, das man nicht voreilig lockern sollte. Irgendwann hat sich dieser Ansicht auch ein Zweig der Linken angeschlossen, der vor einem „entfesselten Kapitalismus“ warnte, als wären wir alle auf dem Weg zurück ins Manchester der Industriellen Revolution. Angesichts soviel politischer Fesselmetaphorik klingt das einst reizvolle Wort „fesseln“ für Fetischisten längst abtörnend. Sie benutzen lieber den englischen Begriff bondage. Matthias Heine

15. September, Morgenupdate: „Sexuelles Kapital ist mehr als nur Attraktivität“

Wir konsumieren mehr denn je, und auch unsere Körper sind inzwischen Kapital. So jedenfalls sehen es seit einiger Zeit linksintellektuell geprägte Gesellschaftstheoretiker. Die wirkmächtigste von ihnen ist die israelische Soziologin Eva Illouz.

In ihrem neuen Buch untersucht sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Dana Kaplan, was heute sexuelles Kapital ist – und ob, wer es hat, wirklich so frei ist, wie es scheint. Sexuelles Kapital sei mehr als die Attraktivität, die, so jedenfalls die gängige Meinung, insbesondere Frauen nutzen, um sich im Beruf oder Privatleben materiell zu verbessern, indem sie mit Vorgesetzten flirten oder reich heiraten.

Für Illouz und Kaplan ist sexuelles Kapital zu verstehen als eine Form, sich in neoliberale Produktionsprozesse einzufügen, wozu mehr als reine Körperlichkeit gehört, nämlich die Fähigkeit, Faktoren wie Spaß, Risikobereitschaft oder Einzigartigkeit zu performen. Zunächst klingt das alles sehr erwartbar postmarxistisch. Aber Illouz und Kaplan halten eine interessante Erkenntnis fest: In der gegenwärtigen Diskussion über sexuelle Identitäten wird eine wichtige Problematik übersehen – dass das Vermögen, aus sexuellem Kapital Nutzen zu ziehen, sozial ungleich verteilt ist.

Vor allem selbstständige, kreative Berufe unterliegen dem Performance-Druck sexuellen Kapitals. Eine Theorie also, mit der sich jeder freischaffende Künstler zum eigenen Nutzen beschäftigen sollte! Sarah Pines

Eva Illouz, Dana Kaplan: Was ist sexuelles Kapital? A. d. Engl. v. Michael Adrian. Suhrkamp, 125 Seiten, 22 Euro.

14. September, Abendupdate: Warum Heine keine gute Wahl für einen AfD-Politiker ist

Der Spitzenkandidat der AfD, Tino Chrupalla, hat in der Sendung „Logo“, die das ZDF für den Kinderkanal produziert, unmissverständlich klar gemacht, was sich die AfD für den Schulunterricht wünscht: „Wir möchten, dass wieder mehr deutsche Volkslieder gelehrt, dass deutsche Gedichte gelernt werden, dass wir unsere deutschen Dichter und Denker wieder mehr in den Schulen würdigen.“

Selbst aber konnte er auf die Nachfrage des Kinderreporters Alexander (13) nicht ein Lieblingsgedicht nennen. Wir haben daraufhin gewagt, Tino Chruppalla mit einem maßgeschneiderten Lyrik-Kanon zu helfen.

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Immerhin wusste Chrupalla den zweiten Rettungsring zu ergreifen, den Alexander ihm zuwarf: Er konnte einen Lieblingsdichter benennen, nämlich Heinrich Heine. Dass er ausgerechnet auf den großen Humanisten und Revolutionär kam, der, auch wegen seiner jüdischen Herkunft, verfolgt wurde, als Flüchtling (!) im Pariser Exil starb, mag verwundern, könnte aber einen einfachen Grund haben: In den Hinterhöfen des Internets, aus denen die AfD hervorgekrochen ist und in denen sich ihre Anhänger tummeln, dürfte kein Zitat so beliebt sein wie die Anfangszeile aus Heines Nachtgedanken“ von 1844.

Irgendwo ist irgendwas passiert? Angela Merkel hat irgendwas gesagt? Es findet sich immer – wirklich immer – einer, der dazu kommentiert: „Denk ich an Deutschland in der Nacht.“ Likes garantiert.

Die anschließende Zeile („Dann bin ich um den Schlaf gebracht“) kann man weglassen, weil die Gleichgesinnten ohnehin im Geiste den Reim vervollständigen. Dass das von Heine stammt und vornehmer klingt als „Armes Deutschland“, hat man irgendwo aufgeschnappt. Aber bis zur dritten Zeile ist man nie gekommen, sonst wüsste man, dass Heine nicht zu den Untergangsautoren von Spengler bis Sarrazin gehört, die man in diesen Kreisen vielleicht ebenfalls nicht gelesen hat, aber gut findet. Denn im Folgenden schreibt Heine:

„Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.“

Heines Sorge – literaturwissenschaftlich korrekt formuliert: die Sorge des lyrischen Ichs – gilt nicht Deutschland, da ist der der Aufklärung verpflichtete Heine zuversichtlich, dass auch sein Vaterland eines Tages aus der Dunkelheit hervortreten werde. Seine Sorge gilt seiner Mutter Betty Heine, die er seit seiner Flucht nicht gesehen hat – und die ihn überleben wird:

„Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin.“

In diesem Zusammenhang aufschlussreich sein einige Jahre später verfasstes Gedicht „Diesseits und jenseits des Rheins“. In der ersten Strophe überhäuft er die Franzosen mit Liebenswürdigkeiten, ehe er in der zweiten ansetzt:

„Aber wir verstehen uns baß,
Wir Germanen auf den Haß.
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Haß! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelberger Faß.“

Als Gedicht gegen die AfD tauglich. Aber Heine als Lieblingsdichter des AfD-Chefs? Herr Chrupalla, wollen Sie das nicht noch mal lesen, ehe Sie sich festlegen? Deniz Yücel

14. September, Mittagsupdate: Die Oxford-Professorin, die über Sex schreibt

Amia Srinivasan ist eine junge Philosophin, die in Oxford lehrt. Jahrgang 1984, aufgewachsen in Bahrain, Taiwan, Singapur, New York und London. Normalerweise kennt die Geisteswelt und ihr postmoderner Hallraum Twitter eher ältere, männliche Philosophieprofessoren, zumal dann, wenn es um Oxford geht und einen so prestigeträchtigen Lehrstuhl wie den Chichele Professor of Social and Political Theory am All Souls College.

Amia Srinivasan, Jahrgang 1984

Amia Srinivasan, Jahrgang 1984

Quelle: Suki Dhanda/Guardian/eyevine/laif

Seit einem Jahr aber ist Srinivasan nicht nur Lehrstuhlinhaberin, sondern auch eine der am meisten zitierten Philosophinnen – nicht unbedingt für ihre Forschungen zur Normativitätstheorie, sondern für ihr Buch „The Right to Sex“, seit Kurzem ein Bestseller. Erscheinen nicht gerade viele feministisch inspirierte Beschäftigungen mit Sex, eine gewollt kritischer als die andere?

Srinivasan vermeidet die Falle der Selbstausdeutung, ihr geht es um eine Theorie der Ambivalenz und das in einem ruhigen, klaren Ton. Gut und differenziert? Ja. Oder, wie eine Leserin es auf Twitter formulierte: „So gut, dass ich es nicht nur zwei Mal gelesen habe, sondern es auch noch ein drittes Mal tun werde.“

13. September, Mittagsupdate: Georg Stefan Troller über Willy Haas

Es war meine Zeit als Rundfunkmann in Paris, so um die späten Fünfzigerjahre muss es gewesen sein. Ich arbeitete vor allem für das amerikanische Radio, aber gab es nicht noch deutsche Sender, die ich beliefern konnte? So fuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Frankfurt, Stuttgart, Köln. Es gab vage Versprechungen und immer wieder die versteckte Frage nach meiner Herkunft.

Österreicher, Jude? „Warum sprechen Sie nicht mal mit dem Willy Haas in Hamburg, der ist doch auch einer von Ihren Leuten.“ Den allerdings kannte ich nur als den „Caliban“, der eine wöchentliche Kolumne für die WELT schrieb. Ich machte telefonisch einen Termin aus.

Haas empfängt mich sehr freundlich, ein rundlicher Herr mit dem, was man in Frankreich „une gueule“ nannte, eine markante Fresse. Ich berichte ihm von der Herkunft meiner Familie im deutschen Tschechien. Das gefällt ihm: „Prager Juden? Brünner Juden? Wen haben Sie da gekannt?“ Natürlich hatte ich niemanden gekannt, ich war ja bloß ein Wiener Gymnasiast gewesen.

Und in meiner Selbstverliebtheit ein „junger Dichter“. Er hingegen hatte sie anscheinend alle gekannt, die von mir bewunderten deutsch-böhmischen Literaten. Von Kafka und Werfel bis hin zu Karl Kraus, Polgar, Kisch, Kuh war er mit ihnen im Kaffeehaus gesessen und hatte die Nächte durchdiskutiert, war in den Zwanzigerjahren Herausgeber der „Literarischen Welt“, während er nebenher Filmdrehbücher schrieb.

Gespür für Leute und Themen: Willy Haas (1891 bis 1973)

Gespür für Leute und Themen: Willy Haas (1891 bis 1973)

Quelle: Harry Croner/Stiftung Stadtmuseum Berlin

Dann die Emigration nach Indien. „In der Filmstadt Bombay hab ich immerhin ein paar Drehbücher untergebracht, natürlich Liebesgeschichten. Aber keusch bis dahinaus, mein Lieber, man war ja nicht in Prag oder in Berlin!“ Er blickt verstohlen auf seine Uhr, und ich habe noch keinen der versprochenen Kontakte. Schon holt er sein bibeldickes Adressbuch. „Ich bin ein organisierter Mensch.“

Er lacht: „Vielleicht allzu sehr für einen Dichter. Ich glaube, mir fehlt das Chaotische, der Griff zum Unbewussten. Aber immerhin fällt mir noch immer was ein. Mir ist noch nie nix eingefallen, und zwar mit Witz. Wenn man schon mal nichts zu sagen hat, so soll man es wenigstens witzig sagen. Kennen Sie den Ausspruch? Ich denke, Sie sind ein Brünner Jud? Aber sogar als Wiener … na, lassen wir das. Haben Sie schon Ihre erste Autobiografie geschrieben?“

Ich verneine geschmeichelt. „Nicht? In Ihrem Alter hatte ich schon genug erlebt für mindestens 300 Seiten, vor allem mit Frauen. Na, sagen wir, 200. Das Übrige muss man dazuerfinden. Sogar Goethe –“ Er schaut von Neuem auf seine Uhr, diesmal unverhohlen: „Noch drei Fragen, okay?“

Verlegen stottere ich: „Warum nennen Sie sich in Ihrer Kolumne ausgerechnet Caliban?“ – „Sie meinen dieses hinterlistige Urvieh von Shakespeare? Extravagant, nicht wahr? Vergessen Sie nie, es war das Extravagante, das die Nazis verführerisch gemacht hat. Wir andern haben immer nur brav nach Demokratie gerufen, wie langweilig. Welchen Mann beeindruckt schon eine biedere Hausfrau?

Ich war lebenslang auf Abenteuer aus. In der Literatur, mit Frauen. Immer etwas Neues entdecken. Das zählt, wenn Ihr Leben sich dem Ende zuneigt!“ „Herr Haas“, muss ich ihn zuletzt rotzig angegangen sein, „Sie reden immer bewundernd vom Prager oder Brünner Deutsch. Aber Ihre Prosa ist dialektfrei, fast pedantisch sauber.“ Ein Problem, das mich gerade selbst beschäftigte: die Angst des schreibenden Emigranten, den Kontakt mit der gesprochenen Sprache zu verlieren.

Georg Stefan Troller in seiner Alltagskluft, 2021

Georg Stefan Troller, Schriftsteller und Dokumentarfilmer

Quelle: Peter Stephan Jungk

Daher weiß ich die Antwort von Willy Haas noch genau: „Gerade die, die außerhalb geboren sind oder leben, sind Reinheitsfanatiker, bis zum Grotesken. Denken Sie an Karl Kraus. Oder – gottbehüte! – an den Straßenköter Hitler. Und jetzt, mein Lieber, lassen Sie mich wieder Caliban sein, das muss noch für morgen ins Blatt.“

Einmal im Monat erscheint an dieser Stelle die Kolumne „Trollers Jahrhundert“. Georg Stefan Troller, Schriftsteller und Dokumentarfilmer, 1921 als Jude in Wien geboren, hat alle Geistesgrößen des zwanzigsten Jahrhunderts getroffen. Wie war das? Fragen Sie ihn unter [email protected]

13. September, Morgenupdate: Geht Buchmesse auch ohne Party-Ekstase?

Seit Wochen fragen wir uns, wie denn nun die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr aussehen wird. Früher trudelten ab August mehr oder weniger schillernde Einladungen zu Empfängen, Umtrünken, Aftershowpartys in unsere Postfächer, die wir alle in Erwartung des jährlichen Riesenbetriebsfestes zusagten. Bislang haben wir allerdings kaum mehr als eine Einladung zu einem Essen mit der Populär-Philosophin Svenja Flasspöhler bekommen, die über ihr neues Buch „Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren“ sprechen wird.

Offenbar wird das nun aber nicht das einzige Angebot in Frankfurt sein, zwei, drei Verlagsleute sprechen von spontanen Partys, außerdem vermeldet das „Börsenblatt“ zur neuen Digital-plus-Analog-Strategie: Das internationale Verlagswesen werde 2021 wieder sichtbarer. Verlage, Unternehmen aus der Dienstleistungsbranche und Literaturagenturen aus mehr als 60 Ländern haben sich angemeldet, die Messe findet als Präsenzveranstaltung mit digitalen und hybriden Programmangeboten statt. Pro Tag dürfen nach derzeitigem Planungsstand bis zu 25.000 Teilnehmer die Messe besuchen.

Party bei Joachim Unseld, Frankfurter Buchmesse 2016

Party bei Joachim Unseld, Frankfurter Buchmesse 2016

Quelle: Martin U. K. Lengemann

Über 110 Unternehmen werden in diesem Jahr zum ersten Mal dabei sein. Viele Aussteller sind an den 41 Länderständen vertreten, unter anderem aus Argentinien, Bulgarien, Estland, Frankreich, Japan, der Schweiz, Taiwan und Ungarn. Kanadas französisch- und englischsprachige Buchmärkte sind jeweils mit einem Gemeinschaftsstand auf der 73. Frankfurter Buchmesse präsent. Auch die zukünftigen Gastländer der Frankfurter Buchmesse, Spanien (2022), Slowenien (2023) und Italien (2024), sind mit großen Gemeinschaftsständen vor Ort vertreten, so „Börsenblatt“.

„Wir hören von vielen Aussteller*innen, dass der persönliche Austausch durch digitale Formate nicht zu ersetzen ist. Deswegen ist unser Motto in diesem Jahr re:connect. Wir setzen auf Wiederbegegnung und wollen als Branche gestärkt aus der Krise hervorgehen. Welche Strategien sich im Umgang mit Covid-19 als erfolgreich erwiesen haben, wird neben Diversität und Nachhaltigkeit das am häufigsten diskutierte Thema der diesjährigen Fachmesse sein“, wird Juergen Boos zitiert, der Direktor der Frankfurter Buchmesse. Des Weiteren beginnt eine neue „The Hof“-Saison mit Networking-Events mit einer virtuellen Bar (die im letzten Jahr eher wie ein etwas frustrierendes Live-Rollenspiel wirkte).

Immerhin wird also – im Gegensatz zum letzten Jahr – nicht alles virtuell sein. Dafür habe man in Frankfurt ein abgestimmtes Hygienekonzept entwickelt, das unter anderem interessante deutsche Wörter und Wendungen bereithält. Zu den Maßnahmen gehören „100 Prozent Frischluftzufuhr“ in den Innenräumen, großzügige Gestaltung von Hallen und Eingängen, „intensive Reinigungsmaßnahmen“, ein „hygieneangepasstes Gastronomiekonzept“ sowie das bewährte Tragen eines Mund- und Nasenschutzes. Der Einlass auf das Gelände werde nach derzeitigem Stand nach der 3-G-Regelung erfolgen. Auch wenn dieses Jahr noch keine Rückkehr zur Vor-Pandemie-Zeit bedeutet: Wir freuen uns auf Frankfurt. Mara Delius

Football news:

Neville über Manchester United: Ich möchte nicht der Verteidiger der Mannschaft sein, die auf dem Feld Ronaldo, Pogba, Brune, Sancho und Greenwood
Barcelona will Vlahovic vom AC Florenz unterschreiben, wenn er nicht Holland (Gerard Romero) kauft
Die neue Krise von Manchester United: Verlieren auch mit Ronaldo, Pogba gibt die Verteidigung die Schuld, Sulscher gibt Fehler zu
Trainer Brentford: Chelsea ist sehr glücklich. Wir haben die letzten 30 Minuten dominiert. Er hat 5 Schläge!
Tuchel über das 1:0 gegen Brentford: Chelsea war in den ersten 70 Minuten stark und hatte in den letzten 20 Glück
Ronaldo hat in drei Spielen in Folge keine Torchancen. Der 36-jährige Portugiese war in den letzten drei Premier-League-Spielen nach 3 Toren in den ersten beiden Spielen nach seiner Rückkehr nicht in der Lage, in den letzten drei Spielen der Premier League erfolgreich zu sein
Warum ist Mehndi nicht für den Goldenen Ball nominiert? Rüdiger über das Torwartspiel gegen Brentford