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Kendrick Lamars Song „Alright“: Ein Leben lang kämpfen

Er ist ein Entwachsener. Kendrick Lamar hat für das Ringen mit der prekären Herkunft, den Schmerz des Milieuwechsels Worte gefunden wie kein anderer. Abstoßung von zu Hause, Einsamkeit im neuen sozialen Umfeld, die Angst, wieder zurückzumüssen – sein Album „How to pimp a butterfly“ beschreibt eine Metamorphose. Den Protestierenden von „Black Lives Matter“ wurde es 2015 zur Parabel auf den steinigen Weg der Emanzipation und Selbstermächtigung. Inzwischen ist Lamar Grammy-Gewinner und Pulitzerpreisträger. „Alright“ gilt längst als der Song der 2010er Jahre. Kendrick Lamar wird an Universitäten diskutiert, seine Texte finden Eingang in Anthologien.

Aber was soll man überhaupt mit dieser Phrase anfangen, die Pharell Williams, der auch den Beat produziert hat, in der Hook immer wieder vorträgt – „We gon’ be alright“? Bricht hier das „Age of Aquarius“ an? Ist Lamar ein rappender Geschichtsphilosoph? Die Welt auf dem geraden Weg Richtung Besserung? Natürlich nicht. Lamar schenkt uns keinen ökumenischen Imagine-All-the-People-Moment. Hier geht es um religiöse Selbstbeschwörung. Polizeigewalt ist für Schwarze eine reale Gefahr, und Lamar hat Angst vor seinen eigenen Entscheidungen, aber das Vertrauen in Gott könnte, nein: es muss einfach Ordnung in das ganze Chaos bringen:

And we hate po-po
Wanna kill us dead in the street fo sho’
I’m at the preacher’s door
My knees gettin’ weak, and my gun might blow
But we gon’ be alright

Zwischen Ghetto und Musikbranche zerrieben?

Auf dem Album ist „Alright“ in ein strukturgebendes Gedicht eingebettet („I remember you was conflicted“). Jedem Vers entspricht ein Song. Kendrick Lamar hat Compton verlassen, den ikonischen Vorort südlich von Los Angeles, der bis heute von Gangkriminalität geprägt ist. Jetzt schläft er in Hotels, erhält künstlerische Anerkennung, finanzielle Freiheit und Einfluss. Aber das Ghetto und die Musikbranche stoßen in Lamar aufeinander, zerreiben ihn. Existenzängste wird man nicht einfach los, sie verlagern sich: Nicht mehr die nächste Polizeikontrolle sorgt für Grübeln und Gedankenkreisen, sondern die Steuerfahndung. Und wie soll jemand mit Macht umgehen lernen, der immer nur Ohnmacht kannte (Sometimes I did the same / Abusing my power, full of resentment)?

Als Ende 2010 die Runde machte, dass Dr. Dre mit einem jungen Rapper aus Kalifornien zusammenarbeitet, hielt die Szene kurz den Atem an. Denn Dre hat in den letzten 30 Jahren zusammen mit dem Interscope-Executive Jimmy Iovine eine ganze Reihe von Superstars protegiert: Snoop Dogg, Eminem, 50 Cent. Alle sehr einflussreich, alle eher Blockbuster als Arthouse. Bei Lamar konnte also schnell eine falsche Erwartungshaltung aufkommen. Noch dazu kommt er aus Los Angeles, einer Stadt die man nicht direkt mit verkopften Raptexten assoziiert. Spätestens seit „Good Kid, M.A.A.D City“ (2012) war klar, dass hier jemand das Gangsta-Rap-Korsett seiner Heimat sprengen wollte. Aber wie hat er das gemacht?