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Nachhaltig Wohnen: Unruhe unter Dämmern

Wer sein Haus zu einhundert Prozent mit Wärme aus erneuerbaren Energien heizt, muss nicht dämmen. Er könnte ohne bauliche Veränderungen der weiteren Erderwärmung entgegentreten und Treibhausgase vermeiden. So simpel die Idee ist, so schwer ist sie in die  Praxis umzusetzen.

Bernd Freytag

Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

Der ohnehin stark wachsende Bedarf an erneuerbaren Energien würde erheblich zunehmen. Schon heute ist nicht klar, wo in Deutschland der „grüne Strom“ für einen klimaneutralen Umbau der Wirtschaft herkommen soll.

Die Idee, dass Klimaschutz bei Gebäuden mehr ist als reines Dämmen, treibt dennoch immer weitere Teile der Politik um und hat nun, kaum beachtet, Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden. Die Dämmstoffindustrie jedenfalls ist alarmiert, denn SPD, Grüne und FDP schreiben in ihrer Regierungsvereinbarung unter dem Kapitel „Klimaschutz im Gebäudebereich“ ausdrücklich von „technologieoffenen Maßnahmen“.

Es geht nicht nur um die Gebäudehülle

Neben der Optimierung der Gebäudehülle will die künftige Bundesregierung demnach auf „technische Anlagen zur Erzeugung und Versorgung mit erneuerbaren Energien am Gebäude“ setzen. Mehr noch: Die Förderprogramme wollen die Koalitionäre „entsprechend weiterentwickeln und umschichten“.

Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert. : Bild: obs

Je nachdem wie die Programme tatsächlich umgeschichtet werden, könnte das erhebliche Auswirkungen auf Industrie und Hausbesitzer haben. Schließlich hat die Bauministerkonferenz in Erfurt erst vor wenigen Tagen einen ähnlichen Beschluss gefasst und verkündet, „die einseitige Ausrichtung an der Gebäudedämmung aufzugeben“.

Künftig sollen nicht mehr nur der Energiebedarf und damit die Anforderungen an die Gebäudedämmung maßgeblich für die Bewertung sein. Stattdessen soll für Gebäude eine breitere Klimabilanz aufgestellt werden. Heißt: Auch Photovoltaik, Solarthermie, der Einsatz von Abwärme oder sogar Wallboxen könnten in die Bewertung einbezogen werden.

Verbände der Mineralwolle- und Hartschaumhersteller dagegen

Die Kritik folgte auf dem Fuß. Eine  Reihe von Industrieverbänden – von Mineralwolle- und Hartschaumherstellern bis hin zum  BuVEG, der als Bundesverband energieeffiziente Gebäude die Interessen von Dämmstoffproduzenten bis zu Fenster- und Türenherstellern vereint – haben das Ansinnen zurückgewiesen. In einem gemeinsamen Schreiben bezeichnen sie den Beschluss der Ministerkonferenz als realitätsfern.

Er widerspreche sämtlichen Studien der Wissenschaft, wie der Gebäudebestand „klimafit“ werde. Tatsächlich müsse der Energiebedarf um 40 Prozent gesenkt werden. Diese Forderung sei breiter Konsens und Voraussetzung dafür, „kosteneffizient klimaneutral zu werden“. Wegen der sich verschärfenden Klimakrise sei zudem eine schnelle Umsetzung gefragt.  

BuVEG-Geschäftsführer Jan Peter Hinrichs verweist im Gespräch  mit der F.A.Z auf das ebenfalls im Koalitionsvertrag festgehaltene Ziel der Bundesregierung, Jahr für Jahr 400.000 neue Wohngebäude zu bauen. So schnell, wie die Nachfrage nach erneuerbaren Energien wachsen würde, könne man keine Windräder bauen, sagt er. „Wenn wir die Industrie in Deutschland halten möchten, sollten wir sie als erste mit erneuerbaren Energien versorgen.“

Im Frankfurter Stadtteil Bornheim entstand vor einem Jahrzehnt ein sehr großes innerstädtisches Passivhausprojekt.

Im Frankfurter Stadtteil Bornheim entstand vor einem Jahrzehnt ein sehr großes innerstädtisches Passivhausprojekt. : Bild: Lucas Wahl

Kritik kommt auch von der Deutschen Umwelthilfe. Der Beschluss der Bauminister gehe  auf „massives Lobbying der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft zurück“, die damit eine Anhebung der Effizienzstandards verhindern möchte, schreibt die stellvertretende Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz. „Wir warnen ausdrücklich vor der irreführenden Idee, im Gebäudesektor wären weniger Anstrengungen bei der Effizienz notwendig, wenn mit Erneuerbaren Energien geheizt wird“, schreibt sie. Die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft versuche mit allen Mitteln, eine Anhebung von Effizienzstandards und damit eine Reduktion der Energieverbräuche zu verhindern.

Ob es tatsächlich zu einem Paradigmenwechsel kommt, wird sich im nächsten Jahr zeigen. Dann steht unter der neuen Bundesregierung die Neufassung des Gebäudeenergiegesetzes an. Es war als zentrales Regelwerk erst im vergangenen Jahr ins Leben gerufen worden.

Mit erneuerbaren Energien betriebene Heizungen

Die Bauminister der Länder haben in Erfurt schon umfangreiche Änderungen angemahnt. Auch in der Übereinkunft der künftigen Regierungsparteien findet sich bereits ein Vorschlag zur Neufassung: So sollen neue Heizungen von 2025 an mit mindestens 65 Prozent erneuerbarer Energie betrieben werden.

Im Kampf gegen die Erderwärmung kommt Gebäuden eine wichtige Aufgabe zu. Vom Endenergieverbrauch in Deutschland entfällt nach Angaben der Deutsche Energie-Agentur Dena etwa ein Drittel auf Gebäude. Die mit Abstand meiste Energie wird dabei für das Heizen der rund 19 Millionen Wohngebäude gebraucht.