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Reif für die Eheberatung

Boris Johnson und Emmanuel Macron mögen sich nicht, manche behaupten, sie hassten sich. Vermutlich ist es nur gegenseitige Verachtung. Der Brite hat die Clownerie zur politischen Strategie gemacht. Der Franzose inszeniert sich als bürgerlicher Monarch. Selbst wenn er den Lockdown verkündet, hat es etwas Feierliches. Für Johnson zählen Worte wenig, Macron bedeuten sie alles.

„Dear Emmanuel“, beginnt Johnson seinen drei Seiten langen Brief an Frankreichs Präsidenten. Die Anrede ist handschriftlich, mit „besten Wünschen“ verabschiedet er sich, dazwischen macht der britische Premier einen Vorschlag, der in Paris wie ein schlechter Witz klingt: Frankreich möge die Migranten wieder aufnehmen, die es auf ihren Schlauchbooten bis nach Dover schaffen.

Das sei so abschreckend, erklärt Johnson, dass sie es dann gar nicht mehr versuchten. Man würde den Schleppern das Handwerk legen und Menschenleben retten. Auch will er britische Grenzsoldaten schicken, zur Unterstützung der französischen Kollegen.

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Johnson stellte seinen Brief auf Twitter. „Unseriös“, urteilte Macron und schickte einen Ausdruck hinterher, der Johnson wie einen kleinen, übermütigen Jungen aussehen lässt: „Allons, allons …“ Das heißt so viel wie: Jetzt reißt euch mal zusammen, werdet wieder ernst. Aber daran denkt im französisch-britischen Meinungskrieg derzeit niemand.

Wären Johnson und Macron ein Paar, dann wäre es höchste Zeit für die Eheberatung. Die Frage stünde im Raum, ob die Partnerschaft noch zu retten ist. Aber es geht in diesem Fall nicht um Gefühle, es geht um Geopolitik. Großbritannien und Frankreich sind Nachbarn, Scheidung ist keine Option. Briten und Franzosen sind wahlweise „unbelehrbare Feinde oder zurückhaltende Verbündete“, wie es der britische Schriftsteller Julian Barnes formuliert, schon seit Jahrhunderten. Doch seit dem Brexit schlägt der Zeiger wieder Richtung Feindschaft aus.

Austragungsort des Konflikts ist der Ärmelkanal. Gleichgültig ob Fische, Jakobsmuscheln oder der quälende Skandal ertrinkender Menschen, jedes Mal wird dieselbe Frage verhandelt: Ist der Brexit ein Erfolg oder ein Versagen? Johnson muss zeigen, dass Global Britain stärker ist ohne Europa, auch wenn die Regale manchmal leer sein mögen. Macron will vor den Wahlen und angesichts erstarkter Populisten vorführen, dass beides nicht geht: aus der EU austreten und trotzdem von ihr profitieren. Oder, wie man auf der Insel sagt: You can’t have your cake and eat it too.

Am Freitag haben französische Fischer in Calais und Saint-Malo den Zugang zu den Häfen und britische Kutter blockiert, kurz wurde auch der Verkehr im Eurotunnel lahmgelegt. Es geht um 150 Lizenzen im Fischereistreit, die die Briten den Franzosen verweigern. Peanuts in den Augen der Briten, aber ein aufgeladenes Symbol für die Franzosen. Auch vom Treffen europäischer Innenminister, die sich am Sonntag in Calais um eine gemeinsame Lösung für die Migranten bemühen wollen, haben die Franzosen die britische Kollegin Priti Patel demonstrativ ausgeladen.

Im Fall „perfides Albion“ gegen „Froschfresser“ sind das nicht die einzigen Streitpunkte. Zu Beginn der Corona-Pandemie hat Frankreich seine Grenzen zum Vereinigten Königreich geschlossen. In Südengland stauten sich die Laster, Fahrer mussten Weihnachten im Führerhaus verbringen. Dann äußerte Macron Zweifel an der Wirksamkeit des britisch-schwedischen Impfstoffs AstraZeneca.

Im September folgte das Aukus-Desaster, als Amerikaner, Australier und Briten ihr trilaterales Militärbündnis für den Indopazifik verkündeten und die Franzosen ohne Vorwarnung außen vor ließen. Für Paris platzte damit ein U-Boot-Geschäft im Wert von 56 Milliarden Euro. Von einem „Messer im Rücken“ war die Rede. US-Präsident Joe Biden zeigte Verständnis für Frankreichs Wut und entschuldigte sich für „ungeschicktes“ Verhalten. Johnson machte flotte Sprüche.

Der Paartherapeut würde jetzt einwenden, dass es noch viele gemeinsame Interessen gibt. Geopolitiker würden formulieren: Mangelnde bilaterale Kooperation schadet beiden. Nach einem Bericht der „Sunday Times“ hatten die Briten ernsthafte Pläne für eine neue Allianz mit Frankreich. Die „Wiederentdeckung einer gemeinsamen strategischen Agenda“ war gewünscht, zugehörige Verträge hätten Anfang November unterzeichnet werden sollen. Der Plan ist offensichtlich ins Wasser gefallen. Das des Ärmelkanals hat gerade zwölf Grad.

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