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„Ringsum bedeckten Gehirne und abgehauene Arme und Beine den Boden“

Gegen 12 Uhr mittags an diesem 1. August 1759 war die Schlacht beendet. Die französische Infanterie zog sich durch die Stadt Minden zurück, während ihre Kavallerie über die Weser floh. Die Verluste betrugen gut 4000 Mann und ähnlich viele Gefangene, die Alliierten hatten nur ein gutes Viertel zu beklagen. Unter den Toten soll auch ein gewisser Doktor Rath gewesen sein, in dessen Tasche Erstaunliches gefunden worden sein soll: die deutsche Übersetzung samt Anmerkungen eines Buches, das den merkwürdigen Titel trug: „Candide oder Der Optimismus“.

Diese Geschichte stellte der Autor François-Marie Arouet, besser bekannt unter seinem angenommenen Namen Voltaire, seiner beißenden Satire auf jene Zeitgenossen voran, die die Meinung vertraten, in der besten aller Welten zu leben. Doch was als Kritik an Zuversicht und Zukunftsglaube der Aufklärung gedacht war, erwies sich bald als überzeitliche Anklage wohlgefälliger Zufriedenheit mit den Zeitläuften. Gerade sein Chargieren zwischen Boshaftigkeit und Witz, Absurditäten und menschlicher Passion machten den schmalen Roman zu einem der meistgelesenen aller Zeiten und verschafften ihm einen Platz in der Weltliteratur.

François-Marie Arouet (Voltaire), Porträt von Nicolas de Largillière (nach 1724/1725 entstanden)

François-Marie Arouet alias Voltaire (1694–1778), Ikone der französischen Aufklärung

Quelle: Wikipedia/ Public Domain

Manche haben die Nebelkerze des Vorspanns als Versuch Voltaires gedeutet, sich die Zensur oder Schlimmeres vom Leib zu halten. Tatsächlich setzte der Vatikan nicht ihn, sondern Dr. Ralph auf den Index der verbotenen Schriften. Aber erst im Jahr 1761. Da hatte Voltaire eine erweiterte Fassung des „Candide“ herausgebracht. Die früheren Ausgaben waren einfach anonym erschienen. Ihr reißender Absatz erklärt sich nicht zuletzt durch den Umstand, dass die gebildete Leserschaft sehr wohl um die Identität des Autors wusste, der sich selbst wenig Mühe mit der Camouflage gab, wenn er Friedrich dem Großen ein Exemplar zukommen ließ.

Was also bewog Voltaire, die Schlacht von Minden seinem Werk in der Version von 1761 derart prominent herauszustellen, zumal sich die Zeitgenossen sicher sehr genau daran erinnerten, dass sie erst sechs Monate nach Erscheinen der ersten Ausgabe des „Candide“ geschlagen worden war? Gerade bei einem französischen Publikum konnte die nötige Sensibilität vorausgesetzt werden, markierte die schwere Niederlage gegen eine Koalition aus Briten, Hannoveranern und Hessen doch den Niedergang der französischen Großmacht und den Aufstieg des Britischen Empires.

Ferdinand von Braunschweig

Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1721–1792) kämpfte an der preußisch-englischen Westfront des Siebenjährigen Krieges

Quelle: Wikipedia/Public Domain

Das Treffen von Minden zählt zu den entscheidenden Schlachten des Siebenjährigen Krieges. Seit 1756 kämpfte Friedrich der Große gegen eine übermächtige Koalition aus Österreich, Frankreich, Russland, Schweden, Sachsen und dem Reich. Preußens einziger Verbündeter war England, dessen Rivalitäten mit Frankreich in Amerika und Asien dem Konflikt den Charakter eines Weltkrieges gaben. Da der Welfe Georg II. zugleich Kurfürst von Hannover war, fand der Antagonismus der beiden Kolonialmächte auch in Europa ein Schlachtfeld.

Dem Feldherrn Ferdinand von Braunschweig kam die Aufgabe zu, mit einem zusammengewürfelten Heer Hannover vor einer Invasion zu schützen und zugleich Friedrich den Rücken freizuhalten für seine Feldzüge an den Hauptfronten im Osten. Dessen triumphaler Sieg im November 1757 über Franzosen und Reichsarmee bei Roßbach hatte zwar im Westen für eine Atempause gesorgt. Aber 1759 bot der Franzose Ludwig XV. gleich drei Armeen auf, um mit der Eroberung Hannovers die Rückschläge in Übersee auszuwetzen und ein Faustpfand für Friedensverhandlungen in die Hand zu bekommen.

Nachdem die Franzosen unweit von Frankfurt am Main einen Erfolg über Ferdinand errungen hatten, konnten sie sich bei Gießen mit einem sächsischen Kontingent vereinen und gemeinsam die preußische Festung Minden im Handstreich erobern. Um ein weiteres Vorrücken nach Norden unter allen Umständen zu verhindern, bezog Ferdinand, obwohl mit 41.000 gegenüber 61.000 Mann deutlich in der Unterzahl, unweit der Stadt ein Lager.

Siegessicher gab Marschall Louis-Georges-Erasme de Contades am Morgen des 1. Augusts den Befehl zu einem Überraschungsangriff. Der aber verzögerte sich, sodass Ferdinand, durch Überläufer gewarnt, eine Division gegen das feindliche Zentrum schicken konnte, das erstaunlicherweise nicht aus Infanterie, sondern Kavallerie bestand. Die konnte sich nicht entfalten und wurde von den Fußsoldaten mit Salvenfeuer und Bajonett zurückgeschlagen. Ferdinands Artillerie besorgte ein Übriges, sodass sich Franzosen und Sachsen gegen Mittag unter schweren Verlusten zurückziehen mussten.

Schlacht bei Minden / Schulz Siebenjaehr.Krieg 1756-63 / Schlacht bei Minden 1.8.1759 (Sieg der engl.-preuss. Armee unter Ferdinand v.Braunschweig ueber die Franzosen unter Contades). - "Schlacht bei Minden". - Randzeichnung zu dem Stahlstich "Fried- rich der Grosse (...) bei Leuthen" von Karl Deucker (1801-63) nach Zeichnung von Karl Friedrich Schulz (1796-1866). Berlin, Slg.Archiv f.Kunst & Geschichte.

Szene aus der Schlacht bei Minden

Quelle: picture-alliance / akg-images

Wie sich zeigen sollte, war das die letzte Großoffensive im Westen. Da elf Tage später Friedrich der Große bei Kunersdorf gegen Russen und Österreicher seine schwerste Niederlage hinnehmen musste, hatte der Braunschweiger Ferdinand durch seinen Sieg dafür gesorgt, dass Preußen nicht auch von Westen attackiert werden konnte. Mit der Abgabe von sieben Bataillonen half er, Friedrichs entsetzliche Verluste zu ersetzen.

Doch während sich im Osten der Krieg weiter schleppte, machte sich in Frankreich Ernüchterung breit. Der französische Außenminister Choiseul schrieb entschuldigend an seinen österreichischen Kollegen Kaunitz: „Ich werde schamrot, wenn ich von unserer Armee spreche.“ Und Madame Pompadour, die mächtige Mätresse Ludwigs XV., formulierte entnervt: „Diese grauenhafte Niederlage von Minden bleibt der finsterste Misserfolg, den wir während des ganzen Krieges einstecken mussten.“

Das Ergebnis hatte tatsächlich welthistorische Dimensionen. Englische Truppen brachten in Amerika und Asien Frankreich zunehmend in die Defensive, dessen Kassen waren nun leer. Und der Krieg gegen den ehemaligen Verbündeten Preußen, in den Frankreich durch das Bündnis mit Österreich getrieben worden war, wurde immer unpopulärer. Die schwere Niederlage von Minden führte aller Welt endgültig vor Augen, dass die Tage der französischen Hegemonie in Europa gezählt waren.

Die Frage, wie es dazu gekommen war, trieb auch Voltaire um. Im „Candide“ gab er sarkastische Antworten. Nicht nur, dass von den fünf- bis sechstausend Theaterstücken, die im Land aufgeführt wurden, nicht einmal 15 oder 16 etwas taugten, nein: „Denken Sie sich die größtmöglichen Widersprüche und Ungereimtheiten aus, und Sie werden sie in der Regierung, in den Gerichtshöfen, den Kirchen, den Schauspielern dieses komischen Volkes finden“, ließ er einen Pariser seinem Helden erklären, „man lacht sogar dabei, wenn man die abscheulichsten Taten begeht.“

Candide flieht aus der Schlacht zwischen Avaren und Bulgaren, als deren König unschwer Friedrich der Große zu erkennen ist – Illustration aus einer Voltaire-Gesamtausgabe von 1784/89

Candide flieht aus der Schlacht – Illustration einer Edition von 1784–89.

Quelle: picture-alliance / akg-images

Diesen Sarkasmus vertraute Voltaire aber erst der Fassung des „Candide“ von 1761 an, als Frankreichs Ohnmacht offensichtlich war. In diesem neuen Kapitel 22 wird die Crème der französischen Hochkultur als Betrüger, Scharlatane und Wichtigtuer entlarvt. Mit seinem eigenwilligen Vorsatz vor der neuen Ausgabe wollte Voltiare wohl den Zusammenhang zwischen der Schlacht bei Minden und dem französischen Niedergang sichtbar zu machen – so hat es jedenfalls der Voltaire-Forscher Gerd Voswinkel gefolgert.

Dass solche Spielereien den Geschmack des intellektuellen Publikums der Aufklärung trafen, zeigt Voltaires boshafte Darstellung seines ehemaligen Gast- und Arbeitgebers Friedrichs des Großen. Der wird im „Candide“ als „König der Bulgaren“ karikiert, der in einer Schlacht nicht nur „die beste aller Welten von neun bis zehntausend Schurken“, befreit, sondern auch ein Avarendorf plündert, in dem „Mädchen mit aufgeschlitzten Bäuchen ihre letzten Seufzer aus(hauchten), nachdem einige Helden ihre natürlichen Bedürfnisse an ihnen befriedigt hatten. Andere, die halb verbrannt waren, flehten schreiend um den Gnadenstoß – und ringsum bedeckten Gehirne und abgehauene Arme und Beine den Boden.“

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Friedrich der Große focht das übrigens nicht an. „Die beste der möglichen Welten ist sehr böse und sehr unglücklich“, schrieb er Voltaire, der ihm mitten im Siebenjährigen Krieg ein frühes Exemplar des Buches hatte zukommen lassen. „Dies ist nun die einzige Art von Roman, die man lesen mag.“

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