Germany
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

So männlich ist die Kunst

Der Kanon der Kunst steht auf dem Prüfstand. Museen stellen plötzlich fest, dass sie sehr viele Männer, aber kaum Frauen an den Wänden hängen haben. Die Kunstgeschichte entdeckt immer wieder neue vergessene, verkannte, übersehene Malerinnen. Namen wie Lotte Laserstein , Alice Lex-Nerlinger oder Hilma af Klint sind in aller Munde.

Und die Wertschätzung der Künstlerinnen ist nur der Anfang der Diversifizierung des musealen Kanons. Der Handel betrachtet diese Entwicklung mit großem Interesse. Schließlich ist die Kunst schon immer über den Kunstmarkt ins Museum gekommen.

Doch spiegelt sich die Debatte überhaupt auf dem Kunstmarkt? Die deutschen Auktionshäuser bereiten gerade ihre großen Herbstversteigerungen des Jahres 2021 vor. Und nach einem Blick in die Kataloge kann man nur feststellen, dass die Angebote von Ketterer und Van Ham, von Lempertz und Grisebach (seit 2019 mit Diandra Donecker immerhin unter weiblicher Führung) doch mehrheitlich männlich geprägt sind. Künstlerinnen sind absolut unterrepräsentiert.

Performance von Andrea Fraser

Performance von Andrea Fraser

Quelle: © VAN HAM Kunstauktionen/Sa a Fuis Photographie

Das Auktionshaus Grisebach versteigert am 2. Dezember 2021 in Berlin in der Hauptauktion 39 Lose als „Ausgewählte Werke“, darunter zählt man aber gerade einmal zwei Künstlerinnen. Quantitativ ist das schwach, aber die Qualität stimmt:

Hannah Höch ist mit der Collage „Modeschau“ von 1925/35 vertreten. Das museale Blatt kommt aus einer Privatsammlung, wurde vielfach ausgestellt und ist von der Berlinischen Galerie für die im Februar geplante Ausstellung „Modebilder – Kunstkleider“ angefragt. Der Schätzpreis wird mit mindestens 100.000 Euro angegeben.

Ein Vintage-Print von Julia Margaret Cameron, die erst mit 48 Jahren zu fotografieren begann, dann aber die bedeutendste Porträtistin ihrer Zeit wurde, zeigt das adlige Geschwisterpaar Claude und Florence Anson. Ein spiegelbildlicher Abzug befindet sich in der Sammlung des Victoria & Albert Museum in London. Interessant an dem Foto ist aber auch die Provenienz, es gehörte einst der Schriftstellerin Virginia Wolff, Camerons Großnichte.

In der Versteigerung von zeitgenössischer Kunst am 3. Dezember 2021 ist die Quote nicht viel besser. Auf knapp hundert Werke männlicher Künstler kommen gerade einmal 13 aus der Hand von Künstlerinnen. Und ausgerechnet eines der spannendsten Lose wurde zurückgezogen, eine „Parkettstudie“ von Heidi Bucher. Die Schweizer Künstlerin (1926–1993) wird zurzeit mit einer Retrospektive ihrer von Architektur inspirierten Latexarbeiten im Haus der Kunst in München gefeiert.

Im Angebot von Grisebach bleiben unter anderen zwei Zeichnungen von Jorinde Voigt (ab 6000 Euro), ein LED-hinterleuchteter Sternenhimmel von Angela Bulloch (15.000 Euro) oder einigen Arbeiten von Künstlerinnen, die sich dem Berliner Ausstellungshaus KW verbunden fühlen, das sein 30. Jubiläum feiert. Die Hälfte der Erlöse soll an die früher Kunst-Werke genannte Institution fließen.

Handgewebter Teppich mit Salzkruste von Sigalit Landau

Handgewebter Teppich mit Salzkruste von Sigalit Landau

Quelle: Grisebach GmbH

Darunter sind etwa eine farbige Zeichnung der argentinischen Videokünstlerin Mika Rottenberg (18.000 Euro), eine Metallskulptur aus der satirischen Reihe „Laptop Men“ von Judith Hopf (9000 Euro) oder ein salzüberkrusteter Bildteppich der Israelin Sigalit Landau (12.000 Euro).

Mager ist die Offerte auch bei Lempertz. Gerade einmal vier Kunstwerke, die in der Abendauktion moderner und zeitgenössischer Kunst am 3. Dezember 2021 in Köln aufgerufen werden, wurden von Frauen geschaffen. Das Hauptlos, Renée Sintenis’ „Großes Stehendes Fohlen“, reckte seinen Hals lange im Garten des Kunstsammlerehepaars Adalbert und Thilda Colsman im bergischen Langenberg.

Die Bildhauerin verkörperte in der Avantgarde der Weimarer Republik die „moderne Frau“ wie keine zweite Künstlerin, von den Nazis wurde sie verfemt, nach dem Weltkrieg gelang Sintenis eine zweite Karriere. Jetzt kommt ihre 1932 gegossene Plastik erstmals seit mehr als vierzig Jahren in den Handel – zu einem Schätzpreis von 150.000 bis 200.000 Euro.

Renée Sintenis, „Großes stehendes Fohlen“, 1932

Renée Sintenis, „Großes stehendes Fohlen“, 1932

Quelle: Lempertz/ © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der Wettbewerber in Köln, Van Ham, widmet den „Frauen“ im Katalog der Versteigerung von Gegenwartskunst am 1. Dezember 2021 sogar eine eigene Abteilung. Neben weiteren Kapiteln wie „Fotografie“ oder „Fotorealismus“ wirkt diese Kategorisierung aber mindestens unelegant. Immerhin kommt das Auktionshaus hier auf eine Quote von fast zwanzig Prozent.

Dabei ist eine wichtige Stimme der feministischen Kunst, Andrea Fraser. 2003 führte sie ihre Performance „Official Welcome“ im Hamburger Kunstverein. Bei dieser als Dankesrede getarnten Institutionskritik entlarvt die Amerikanerin in wechselnden Rollen die verschiedenen Erwartungen, die an Künstlerinnen gestellt werden. Das Video ist auf 3000 Euro taxiert.

Zum Angebot gehören ferner ein typisches Porträt niederländischen Fotografin Rineke Dijkstra („Amy“, 10.000 Euro), eine Unikatbronze von Alicja Kwade („Quantenbanane“, 12.000 Euro), eine der passiv aggressiven Kratzarbeiten auf hochglänzendem Autolack von Anne Imhof (ohne Titel, 15.000 Euro) oder ein Selbstbildnis als Clown, der zumindest in ihren Fotografien genderfluiden Cindy Sherman (160.000 Euro).

Unbetiteltes Selbstbildnis als Clown von Cindy Sherman aus dem Jahr 2004

Unbetiteltes Selbstbildnis als Clown von Cindy Sherman aus dem Jahr 2004

Quelle: © VAN HAM Kunstauktionen/Saša Fuis Photographie

Und auch in der Münchener Abendauktion bei Ketterer am 10. Dezember 2021 tauchen die Frauen an der Leinwand – Katharina Grosse mit einem abstrakten Gemälde (100.000 Euro) und Gabriele Münter mit einer Berglandschaft (250.000 Euro) – sehr viel seltener auf als auf der Leinwand.

Ob notorisch jung und nackt (bei Otto Mueller und Ernst Ludwig Kirchner), mythisch nackt (bei Wladimir Bechtejew), glutäugig und stark geschminkt (bei Alexej von Jawlensky), schlafend (bei Egon Schiele), wild tanzend (bei Georg Kolbe), als unscharfe Gartenstaffage (bei Max Liebermann), züchtig im NS-Geschmack (bei Karl Hofer), widerständig (bei Francis Picabia), plakativ (bei Alex Katz) oder kindisch (bei Yoshitomo Nara).

Frauen sind im Angebot von Ketterer, der anderen Auktionshäuser, aber auch des bekannten Kanons meist nur ein Motiv des männlichen Blicks.

Robert Ketterer und Nicola Keglevich vom Auktionshaus Ketterer stellen das Gemälde „Frauenkopf mit Blumen im Haar“ von Alexej Jawlensky vor

Robert Ketterer und Nicola Keglevich vom Auktionshaus Ketterer stellen das Gemälde „Frauenkopf mit Blumen im Haar“ von Alexej Jawlensky vor

Quelle: pa/dpa/Ketterer Ku/cor sab

Verkaufen werden sie sich gut, keine Frage. Aber vielleicht hat sich die Zeitenwende eher bei den Kunstbesitzern bemerkbar gemacht. Ein Grund für das schmale Angebot könnte sein, dass sich die Sammler von Werken, die Frauen geschaffen haben, (noch) gar nicht trennen wollen. Denn wenn sich der museale Kanon ändert, hat das natürlich auch einen großen Einfluss auf die Preisentwicklung.

An dieser Stelle finden Sie Inhalte von Drittanbietern

Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir Ihre Zustimmung.