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„Wie geil, wir sind elf Mann!“

Der Schiedsrichter zählte kurz vor dem Anpfiff noch einmal durch. Auf der einen Seite elf Spieler, auf der anderen neun - das passte, also pfiff Manuel Mota die Partie in der ersten Liga Portugals zwischen Benfica Lissabon und Belenenses SAD an. Belenenses konnte wegen diverser Coronafälle in seinem Team nur mit einer Rumpftruppe antreten, verzichtete aber auch auf eine Verlegung des Spiels.

Was weltweit für einen Aufschrei sorgte, ist auf den Amateurplätzen dieses Landes an der Tagesordnung. Nicht erst seit dem Ausbruch der Pandemie. Die wichtigste Frage am Sonntagmorgen ist oft nicht, ob der Gegner mit einer abkippenden Neun spielt, der Topstürmer wieder fit oder der Rasenplatz gesperrt ist, sondern: Bekommen wir und auch der Gegner elf Mann zusammen?

Ein Blick in die Whatsapp-Gruppe bringt dann immer Gewissheit. Es ist erstaunlich, wie oft gerade in der Samstagnacht Fußballer Krankheiten befallen, die dann im Laufe des Sonntags wie durch eine Wunderheilung wieder verschwinden.

Migräne-Attacken, Fieberschübe unerklärliche Magen-Darm-Beschwerden zum Glück ist dies zumeist nach einem langen Mittagsschlaf, zwei Aspirin und vier Liter Wasser ausgestanden.

Wir machen uns warm, die andere Platzhälfte ist verwaist

Aber die acht „Ich komme etwas später, mein Auto ist nicht angesprungen, hier ist ein fieser Stau und der Schienenersatzverkehr macht mir zu schaffen“-Nachrichten bringen Gewissheit - wir werden wieder mindestens elf Freunde und somit komplett spielfähig sein.

Wie sooft sind wir vollständig, der Gegner aber nicht. Eine Stunde vor dem Spiel beim Treffpunkt ist noch weit und breit kein Spieler der anderen Mannschaft in Sicht ist. Der Trainer und ein Betreuer hacken verzweifelt auf ihren Handys rum und versuchen, alle Kräfte zu mobilisieren. Nach und nach kommen die Gegner angeschlurft. Während wir uns in unserer Hälfte warm machen, ist die andere Seite des Platzes noch verwaist.

Im Fünf-Minutentakt spuckt der Kabinentrakt einen Gegenspieler aus. Viel wichtiger als Steigerungsläufe, dehnen und Torschüsse ist jetzt zählen. Wie viele Gegner sind da? Treten die überhaupt an oder habe ich mich völlig umsonst an einem verregneten Sonntagmorgen im November aus dem Bett geschält?

Ehrgeiz eines 16-jährigen Schülerpraktikanten

Es sind neun Leute, die sich warm machen und dabei den Ehrgeiz eines pubertierenden 16-Jährigen beim Pflichtpraktikum im Baumarkt versprühen. Unser Trainer versucht, noch mit Phrasen aus dem Handbuch für Übungsleiter 1983 die Spannung vor dem Anpfiff aufrecht zu halten: „Leute, gegen neun Mann ist es immer verdammt schwer. Viel kniffliger, als würden die mit voller Kapelle hier auflaufen. Da denkt jeder bei uns, er müsse nicht mehr laufen, das erledigt der Mitspieler schon. Das ist trotzdem eine schlagkräftige Truppe, für die einfach alles möglich ist.“ Zumindest bis zum 0:3 nach 14 Minuten..

Fussball Kreisliga B 6 2021/2022: SV Oberndorf - Spvgg Moessingen

Die Wechselmöglichkeiten im Amateurfußball sind oft beschränkt

Quelle: pa/Pressebildage/ulmer

Auf meine Rückfrage, warum wir dann eigentlich nie das taktische Mittel einsetzen und mit zwei Mann weniger antreten, wenn es für den Gegner dann viel schwieriger ist, bekomme ich als Antwort, ein Kopfschütteln, das mir sagt, auf welcher Position ich kommende Woche spielen werde: Rechtsaußen, auf der Bank. Spiele gegen dezimierte Truppen laufen eigentlich immer gleich ab. Ein Blöder findet sich immer, der dem Trainer glaubt und uns lauthals ermahnt, dass es gegen neun Mann doch wirklich verdammt hart ist. Zumindest bis zum 3:0 nach 14 Minuten...

Mysteriöse Verletzungen kurz nach der Pause

In der Anfangsphase glaubt die Rumpftruppe immer noch daran, das 0:0 über die Zeit zu retten. Doch schon nach zehn Minuten tut das Hinterherlaufen weh. Ein Spiel, das keiner Seite Spaß macht. Es fällt Tor um Tor und mit jedem Treffer fällt das Jubeln schwerer.

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Ganz oft kommt es kurz nach dem Wiederanpfiff zu mysteriösen Verletzungen

Quelle: pa/augenklick/firo Sportphoto/Jürgen Fromme

Um keinen Stress mit dem Verband zu bekommen, müssen die tapferen Kämpfer mindestens eine Halbzeit auf dem Platz stehen. Seltsamerweise mehren sich rund um den Pausenpfiff die muskulären Verletzungen. Mit neun begonnen, kommt das Team nur noch mit sieben Mann aus der Kabine. So kalt wie die Muskeln in der Viertelstunde werden, ist es kein Wunder, dass immer gleich der erste Sprint in der 46. Minute zu einer weiteren ganz schlimmen Verletzung führt. Endlich sind es nur noch sechs Spieler - Abbruch, 0:2-Wertung, Verlierer-Bierchen.

Genauso lief es außerdem auch in Portugal. Wie schön, wenn die Profis auch mal was aus den Niederungen des Amateurfußballs lernen können.