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Worauf es bei der Weidmann-Nachfolge ankommt

Prognosen runter, Preise rauf. Das ist in Kurzform das Bild, dass sich in Deutschland wirtschaftlich kurz vor dem Antritt der neuen Bundesregierung bietet.

Während die Politiker der Ampelkoalition noch mit Sondierungsgesprächen beschäftigt sind, um den Staat endlich zu modernisieren, die Infrastruktur zu digitalisieren und die soziale Marktwirtschaft zu ökologisieren, treibt die Bürger hierzulande noch etwas ganz anderes um, das sie noch viel unmittelbarer betrifft: Die Frage nämlich, wie viel ihr Geld in Zukunft überhaupt noch wert sein wird.

Dass die Verbraucher hierzulande größere Anschaffungen lieber jetzt noch vorziehen, wie es die aktuelle GfK-Umfrage zeigt, mag die pandemiegeplagten Einzelhändler freuen. Gleichzeitig ist es ein Alarmsignal.

Denn es deutet sich zunehmend an, dass die Menschen einem der wichtigsten Versprechen des Staates an seine Bürger offensichtlich nicht mehr ganz so viel zutrauen wie bisher: Dass sie nämlich Vertrauen haben können in die Kaufkraft der eigenen Währung. Das liegt auch an der rasant gestiegenen Inflationsrate von zuletzt 4,1 Prozent, Tendenz steigend.

Zwar wird die Europäische Zentralbank (EZB) als Hüterin des Euro nicht müde zu betonen, dass der Anstieg nur vorübergehend und den Lieferkettenproblemen der Pandemie geschuldet ist, die das Warenangebot verknappt und damit Preise befeuert haben.

Die Menschen gerade in diesem Land sind eben doch zunehmend frustriert darüber, dass sich zu den Nullzinsen der vergangenen Krisenjahre nun auch noch eine steigende Teuerung gesellt, die ihre Vermögen weiter schmälert.

Jemand, der das Geldversprechen glaubhaft verkörpert

Dass die EZB dennoch weiterhin an ihrer Krisenpolitik festhält und offensichtlich sogar darüber nachdenkt, die vorhandenen Anleihekaufprogramme auch über die Akuthilfe hinaus weiterzuführen, um die lieb gewonnen Beinfreiheit in der Geldpolitik zu erhalten – all das stimmt viele Bürger zurecht skeptisch.

Dass mit Bundesbankpräsident Jens Weidmann ausgerechnet jetzt der entschiedenste interne Kritiker den EZB-Rat verlässt – nach einer Dekade als weitgehend einsamer Mahner des Kämpfens augenscheinlich müde geworden – ist da, auch wenn es nicht so intendiert gewesen sein wird, ein denkbar schlechtes Timing.

„Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle glauben an die Bundesbank“, so hat der europäische Staatsmann Jacques Delors das beinahe innige Verhältnis der Deutschen zu ihrer Währung einst auf den Punkt gebracht. Die Bundesbank hat diesen Vertrauensbonus bis heute, auch wenn sie nicht mehr unmittelbar zuständig ist für die hiesige Geldpolitik.

Die Regierung sollte das im Blick behalten, wenn sie in den kommenden Wochen über die Nachfolge Weidmanns entscheidet. Das Klügste, was sie tun kann, ja geradezu muss, ist jemanden zu finden, der das Geldversprechen ähnlich glaubhaft verkörpert, wie es Weidmann vom Start weg getan hat.

Politische Ökonomen – von denen bereits mehrere im Gespräch sind – wären da die falsche Wahl. Gefragt ist ein unabhängiger Kopf, dem die Leute vertrauen. Denn es geht um viel: die Verwaltung des Geldes der Deutschen.

„Weidmann war eine kritische Stimme in den Gremien der EZB“

FDP-Chef Christian Lindner hat den Rücktritt von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann bedauert. Er fordert, dass die Deutsche Bundesbank weiter Anwältin einer stabilitätsorientierten Geldpolitik in Europa bleiben muss, um auf Inflationsrisiken zu reagieren.

Quelle: WELT